Bahn frei für Elfriede Blauensteiner und Co?Gerichtsmedizin Wien beendet Obduktionen
- NEWS: Ab 2008 kein gerichtsmedizinisches Zentrum
- Experten fürchten Zunahme ungeklärter Verbrechen

Sie ist die berühmteste Serienmörderin der österreichischen Kriminalgeschichte: Elfriede Blauensteiner. Jene Wienerin, die betagte Männer und Frauen fürsorglich betreute, um diese dann - nachdem sie von ihnen testamentarisch zur Alleinerbin ernannt worden war - mit Medikamenten ins Jenseits zu befördern. 1997 beziehungsweise 2001 wurde Blauensteiner für insgesamt drei Morde verurteilt - Kriminalisten gehen jedoch nach wie vor von weitaus mehr Opfern aus. Würde sich für die "Schwarze Witwe" ab 1. Jänner des kommenden Jahres eine Nachahmerin finden, so hätte diese - im Gegensatz zu Blauensteiner - gute Chancen, zeitlebens unentdeckt zu bleiben.
Denn: In knapp zwei Wochen wird ein Teil der Wiener Gerichtsmedizin nach 200 Jahren seine Pforten schließen - womit Wien die einzige europäische Hauptstadt ohne gerichtsmedizinisches Zentrum wäre. Um den Betrieb der baufälligen Institution in Wien-Alsergrund aufrechterhalten zu können, bedürfte es eines Neubaus - über dessen Durchführung seit Wochen ein Kompetenzstreit zwischen Medizinischer Universität, Ministerien und der Stadt Wien tobt.
Fakt ist: Ein Rechnungshofbericht vom März 2007 bescheinigt dem Haus in der Sensengasse schwere bauliche Mängel. Die Folge: Ein Großteil der 2.000 jährlichen Obduktionen - im Konkreten an all jenen Leichen, bei welchen Seuchenverdacht besteht - wurde mit September ausgelagert.
"Betrieb nicht gerechtfertig"
Mit 1. Jänner werden auch die restlichen 500 "bedenklichen Todesfälle" - bei welchen Verdachtsmomente auf Fremdverschulden bestehen - nicht mehr in der Sensengasse obduziert. Sondern in städtischen Spitälern. "Die Aufrechterhaltung des Betriebs", so Wolfgang Schütz, Rektor der Medizinischen Universität Wien, "ist wirtschaftlich einfach nicht mehr gerechtfertigt." Die Kosten für einen Neubau: 16,5 Millionen Euro.
Und der Rechnungshofbericht, der neben den baulichen Zuständen auch die hohe Zahl an sanitätsbehördlichen Obduktionen bemängelt, hat noch eine Folge: Die Stadt Wien wird in Zukunft die Totenbeschauen massiv reduzieren müssen - von 1.500 auf 500 pro Jahr. Auszug aus einer Dienstanweisung der Stadt: "Liegen keine wichtigen Gründe der Gesundheitsvorsorge (z. B. Klarstellung der Todesursache bei Säuglingen und Kleinkindern, Verdacht einer Infektionskrankheit) vor, ist am Formblatt unter Todesursache, Verdacht auf:
- nicht bestätigt' einzutragen und die Leiche freizugeben."
Freibrief für Verbrecher?
Insider befürchten nun, dass aufgrund der eingeschränkten Obduktionen hinkünftig der "perfekte Mord" einfacher möglich wäre. Hannes Scherz, interimistischer Leiter der kriminalpolizeilichen Abteilung Wien: "Jeder Polizist, der länger im Geschäft ist, ist derselben Meinung wie ich: Mit Auflassen der Gerichtsmedizin besteht die große Gefahr, dass fortan in Wien Verbrechen vertuscht werden können. Früher wurde immer, wenn die Todesursache nicht bekannt war, obduziert."
Die Folgen der Einsparungen wurden bereits in den vergangenen Wochen deutlich: als etwa ein 12-jähriger Wiener in seinem Zimmer erhängt aufgefunden wurde. Obwohl Selbstmorde bei Jugendlichen dieses Alters ungewöhnlich sind, es keinen Abschiedsbrief gab und der Bub keinen Suizid angekündigt hatte, wurde er nicht obduziert.
Ebenso wenig wie der Leichnam jenes 28 Jahre alten Akademikers, der kürzlich in seiner Wohnung verstarb. Ursache des plötzlichen Todes des bis dahin gesunden jungen Mannes: unbekannt.
Keine Ausbildungsplätze mehr
Österreichs Mediziner schlagen jetzt Alarm. "Für eine Universitätsstadt wie Wien ist die Schließung der Gerichtsmedizin ein Wahnsinn. Wie sollen zukünftige Rechtsärzte ausgebildet werden, wenn es keine zentrale Stelle für Obduktionen mehr gibt? Die Leichen werden in Wien verteilt - und die Gerichtsmediziner dürfen erst obduzieren, wenn die Pathologien der Spitäler frei sind. Das ist kein Zustand. Hinzu kommen die Faulleichen. Sollen die in dieselben Röntgengeräte und CTs wie lebende Patienten?", so Ärztekammer-Präsident Walter Dorner.
Lesen Sie die komplette Geschichte im aktuellen NEWS Nr.50/07!










