Mittwoch, 5. Dezember 2007

Identitätsprobleme bei Migrantenkindern:
Erstsprache wird hier nicht ernst genommen

  • PISA: Kinder von Ausländern mit großem Rückstand
  • Schüler häufig ohne Unterstützung aus dem Umfeld

Das vergleichsweise schlechtere Abschneiden der Migranten der zweiten Generation beim Lesen im Rahmen von PISA 2006 gegenüber der Migranten der ersten Generation führt Michael Schratz vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck auf ein "Identitätsproblem" zurück. Die Erstsprache der Migranten werde in Österreich nicht ernst genommen, so erfolge keine Sprachsensibilisierung.

Beim Erlernen von Deutsch als Zweitsprache fehle es häufig an Unterstützung durch die Familie. "Wenn ich kein Spielbein, also die Zweitsprache, habe, muss ich mich auf mein Standbein, die Erstsprache, verlassen", so der Experte.

Das paradoxe Ergebnis, dass Migrantenkinder, die bereits in Österreich geboren sind (zweite Generation), schlechter lesen als jene die noch im Ausland geboren sind (erste Generation), ist außer in Österreich nur in Deutschland zu beobachten. Damit sei hauptsächlich der deutschsprachige Raum betroffen. "Im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern wird die Erstsprache hier nicht ernst genommen", sagte der Erziehungswissenschafter. Die Schüler müssten ihre Leistung sofort in der Zweitsprache, also Deutsch, erbringen. Man sei in der Schule nicht bemüht, besondere Bedingungen für die Kinder mit Migrationshintergrund zu schaffen.

"Abgrenzung von dem Fremden"
Wird auf die Erst- und damit Herkunftssprache der Schüler eingegangen, können deren Schwierigkeiten erkannt werden. Auf die Identitätsprobleme und fehlende Sprachsensibilisierung reagieren die Schüler mit Migrationshintergrund laut Schratz "mit einer Abgrenzung von dem Fremden", im konkreten Fall also von der österreichischen Kultur und der deutschen Sprache.

Als Vorbild für eine gelungene Integration der Schüler mit Migrationshintergrund nennt Schratz die skandinavischen Länder, die Migranten in den Schulen Unterricht in deren Erstsprache anbieten. Diese Länder demonstrierten, wie man "mit Heterogenität klug umgeht".

Als zweite wichtige Voraussetzung für eine bessere Integration der Migranten muss laut dem Experten auch das Umfeld der Kinder und Jugendliche einbezogen werden. Die Schüler bekämen häufig keine Unterstützung aus der Familie, die Zweitsprache zu lernen - etwa aufgrund von mangelhafter Sprachkenntnissen der Eltern. So sollten etwa auch Deutschkurse für die Eltern angeboten werden.

Werte besser vermitteln
Das ab September 2008 geplante verpflichtende Kindergartenjahr für alle mit Sprachdefiziten hält Schratz für einen ersten wichtigen Schritt, aber nicht ausreichend. Im Allgemeinen ginge es darum, den Wert von Bildung, Sprache und Lernen besser zu vermitteln. Die Kinder müssten lernen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie sollten früh lernen, sich selbst einschätzen zu können und sich Ziele zu setzen. Eine Verbesserung der Situation "geht nicht über die Verordnung, sondern über die Haltung", so Schratz.

"Ist die Schule für die Schüler da oder sind die Schüler für die Schule da - das ist die Frage", so der Experte. Derzeit sei wohl eher letzteres der Fall. "Die Schule ist noch zu stark von der Lebenswelt der Schüler getrennt", so der Experte im Hinblick auf das PISA-Ergebnis, dass fast jeder dritte 15- bzw. 16-jährige Jugendliche in Österreich ist ein "Risikoschüler" ist. Der Erziehungswissenschafter ortet eine Systemschwäche, die Lernziele stünden zu stark im Vordergrund, ohne auf die Bedürfnisse des Schülers einzugehen. Gefordert seien eine stärkere Individualisierung. Denn immerhin sollte doch die Schule für die Schüler da sein. (apa/red)

5.12.2007 15:20