Dienstag, 4. Dezember 2007

PISA-Studie stimmt Schmied nachdenklich: Neue Lern-, Lehr- und Prüfkultur gefordert

  • Ergebnisse offiziell: Österreich liegt im Mittelfeld
  • Erschreckend: Jeder dritter Schüler in Risikogruppe

Fast jeder dritte 15- bis 16-Jährige ist ein "Risikoschüler", der Lernerfolge der Schüler "zu einem erheblichen Teil durch den Bildungshintergrund der Eltern bestimmt", Jugendliche mit Migrationshintergrund "sehr stark benachteiligt" - die präsentierte PISA-Studie 2006 weist erneut auf massive Schwächen des österreichischen Schulsystems hin. Das Gesamtergebnis des internationalen Schülerleistungstests in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften sieht Österreich im Mittelfeld der 30 OECD-Staaten, in Naturwissenschaften und Mathematik wurden erstmals Ergebnisse über dem OECD-Schnitt erreicht. Unterrichtsministerin Claudia Schmied fordert einen "Paradigmenwechsel in der Lern-, Lehr- und Prüfkultur", die ÖVP will überhaupt aus dem PISA-System aussteigen.

Fast jeder dritte 15- bzw. 16-jährige Jugendliche gehört in einem der drei bei PISA getesteten Kompetenzbereiche zu den besonders Leistungsschwachen. Zehn Prozent der Schüler zeigten in allen drei Bereichen besonders geringe Leistungen, weitere acht Prozent in zwei und zwölf Prozent in einem Kompetenzbereich. Im Lesen erreichten 21,5 Prozent (OECD-Schnitt: 20 Prozent) der Schüler nur die unterste Leistungsstufe bei PISA bzw. nicht einmal diese, das ist sogar mehr als 2003 (20 Prozent). Das heißt, dass "gut jeder fünfte österreichische Schüler gegen Ende der Pflichtschulzeit nur unzureichend sinnerfassend lesen kann, so dass dadurch das private und gesellschaftliche Leben beeinträchtigt werden kann", heißt es im nationalen PISA-Bericht. In Mathe und Naturwissenschaften zeigt sich ein ähnliches Bild.

Migrantenkindern benachteiligt
Im Vergleich mit anderen Staaten mit hohem Zuwandereranteil gelingt in Österreich die Förderung von Migrantenkindern in der Schule eher schlecht. So ist etwa die Leseleistung von Migrantenkindern, die bereits in Österreich geboren sind und ihre gesamte Schullaufbahn hier verbracht haben (2. Generation), wesentlich schlechter als jene vom Migrantenkindern, die noch im Ausland geboren wurden (1. Generation). Außerdem ist die Leistung von Schülern, deren Eltern maximal über einen Pflichtschulabschluss verfügen, je nach Kompetenzbereich zwischen 90 und 102 Punkten geringer als von Kindern aus Akademikerhaushalten. Laut OECD entsprechen 38 Punkte auf der PISA-Skala in etwa dem Leistungszuwachs eines Schuljahrs.

Beim Gesamtergebnis erreichten die österreichischen Schüler beim Schwerpunktthema Naturwissenschaften Rang zwölf unter den 30 OECD-Staaten bzw. 511 Punkte und lagen damit signifikant über dem OECD-Mittelwert (500). Beim Lesen waren es 490 Punkte und Platz 16, was praktisch dem OECD-Mittelwert (492) entspricht, in der Mathematik 505 Punkte und Platz 13, das ist signifikant über dem OECD-Mittelwert (498 Punkte).

Den Wert der Naturwissenschaften schätzen die österreichischen Jugendlichen nur gering ein: "Weder im Unterricht noch im familiären Umfeld gelingt es in Österreich offenbar, Jugendlichen den hohen Stellenwert und die Möglichkeiten innerhalb der naturwissenschaftlich-technischen Berufe ausreichend nahe zu bringen", lautete das Fazit der nationalen PISA-Koordinationsstelle.

Sinnerfassendes Lesen große Schwäche
Der nationale PISA-Projektkoordinator Günter Haider ortet vor allem ein Problem beim sinnerfassenden Lesen, welches die Grundlage für andere Leistungen sei. Eine Behebung von Leseschwächen sei "vor allem Sache von gutem Unterricht". Im Lehrer-Bereich ließ Haider eine Präferenz für eine stärkere Auswahl der Pädagogen erkennen. Bis Juni 2008 soll ein nationaler Expertenbericht erarbeitet werden, anschließend Empfehlungen an die Bildungspolitik folgen.

ÖVP will aus PISA aussteigen
In ihren Reaktionen waren sich die Parteien einig, dass Reformbedarf besteht. Die ÖVP, deren Bildungssprecher Fritz Neugebauer im PISA-Ergebnis "positive Tendenzen" ortet, will überhaupt über ein "Aussteigen aus dem PISA-Prozess" nachdenken. Zudem machte Wissenschaftsminister Johannes Hahn klar, dass Österreich nicht an einem angedachten PISA-Test für die Unis mitmachen werde.

Für einen "Paradigmenwechsel in der Lern-, Lehr- und Prüfkultur" sprach sich Unterrichtsministerin Claudia Schmied (S) aus. Im Unterricht müsse es mehr Teamarbeit geben, nötig sei eine stärkere Individualisierung. Die hohe Zahl an "Risikoschülern" sei ein Umstand, den "wir uns nicht leisten können und dürfen". Als wichtigen Baustein zur Behebung der Probleme nannte Schmied die Implementierung der Bildungsstandards ab 2008 sowie die Senkung der Klassenschülerzahlen.

Für den Grünen Bildungssprecher Dieter Brosz "schreit die PISA-Studie nach massiven Reformen im Schulsystem". Zum dritten Mal in Folge werde dem österreichischen Schulsystem Mittelmäßigkeit bescheinigt und somit "Versäumnisse der letzten Jahre bestätigt". Besonders kritisierte er, dass die "Herkunft über die Zukunft entscheidet und nicht Talent oder Fleiß." FPÖ-Bildungssprecher Martin Graf möchte künftig nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer testen lassen. Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der PISA-Studie äußerte BZÖ-Wissenschaftssprecher Gernot Darmann.

Die Österreicher stehen der PISA-Studie indes skeptisch gegenüber. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes OGM für den ORF-"Report" befanden 51 Prozent der Befragten die jährliche Erfassung der Schülerleistungen für wenig aussagekräftig.

(APA/red)

4.12.2007 15:53