Montag, 3. Dezember 2007

Blamage an der Wiener Staatsoper: 'Wotan'
blieb bei der "Walküre" die Stimme weg

  • Panne: Dem Finnen Uusitalo versagte die Stimme
  • Buhrufe: Double sang von Bühnenrand "playback"

Es sollte jene Inszenierung werden, von der alles spricht - doch nach der "Walküren"-Premiere hat das Publikum der Wiener Staatsoper anderes zu erzählen, als allen lieb ist. Denn dem zuvor heftig beworbenen Juha Uusitalo (Wotan) versagte auf offener Bühne die Stimme. Ein Einspringer, Oskar Hillebrandt, sang für ihn den dritten Aufzug von einem Pult an der Bühnenseite aus, während Uusitalo stumm agierte. Insgesamt wurde der unglücklich gelaufene Auftakt zum "neuen Ring" ein vom Publikum unterkühlt aufgenommener Abend, dessen umfassende Beurteilung vorerst noch nicht möglich ist.

Einzig Dirigent Franz Welser-Möst und "Siegmund" Johan Botha (den man jedoch auch schon stärker erlebt hat) ernteten ungeteilte Zustimmung. Denn zuerst gab es großes Opernglück. Wie sich Hunding (eigentlich das Highlight des Abends: Ain Anger) und Siegmund (Botha) im ersten Aufzug über einen Tisch hinweg angifteten, hatte ohne große Mittel eine zum Schneiden dicke, packende Atmosphäre von Aggression erzeugt. Derart emotional geht es auch in der Staatsoper selten zu, da zeigte Regisseur Sven-Eric Bechtolf starke Arbeit.

Dazu das musikalische Ereignis des Abends: Welser-Möst hat fest zugegriffen und das Staatsopernorchester zu einem derart ausgefeilten Spiel mit Dynamik, zu einem gleichsam Wiener Dialekt in der Wagnersprache, zu einem kammermusikalischen Musikfest gebracht, dass es trotz der bis zum Anschlag zurückgedrehten Lautstärke nur umso berauschender brodelte. Allein der Beginn, mit hochbrandenden und doch wie von einer Stahlwand vom endgültigen Ausbrechen zurückgehaltenen Streicherwellen, faszinierte. Ein durchdachter, perfekt kontrollierter Wagner.

"Stimm-Bruch"
Doch nur so lange von der Bühne etwas zurückkam. Als sich dort mit Uusitalos Sängeralptraum das Geschehen zusehends auflöste, geriet auch der Graben ins Trudeln: Denn die konsequente Sängerfreundlichkeit wandelte sich ohne dementsprechende Stimmmacht in ungefüllte Leere. Zwar zauberte Welser-Möst jene Farben hervor, die der in graublauem fahlem Licht gehaltenen Bühne abgingen. Doch ließ auch die Konzentration der zuerst makellosen Musiker zunehmend nach, die Bläser schwammen zuweilen. Dennoch, zu Recht, ungeteilte Zustimmung für den künftigen Generalmusikdirektor, der für die ersten zwei Stunden die Staatsoper zu "seinem" Haus machte.

Buhrufe
Die Sänger wussten nicht durchgängig zu überzeugen. "Brünnhilde" Eva Johansson ließ im letzten Aufzug starke Unsicherheiten hören und erntete Buhrufe, prächtig war Nina Stemme als Sieglinde, unauffällig Michaela Schuster als Fricka. Der Eindruck, den die Regie hinterließ, muss gegen die Unbill des Abends gemessen werden. Doch es scheint: Bechtolf ist zur "Walküre" so gut wie nichts eingefallen, das über Wagners Entwurf hinausgeht.

Dass Direktor Holenders Einführung für Oskar Hillebrandt vor dem dritten Aufzug wohl für immer eine gute Opernanekdote abgeben wird - der Sänger war zum Pizzakaufen beim Westbahnhof, als ihn der Anruf ereilte -, tröstet wohl weder Publikum noch die Staatsoper, deren Prestigeprojekt einen unglücklichen Start erlebte. Dennoch verhielt sich das Publikum fair und applaudierte dem Duo Uusitalo und Hillebrandt, während bei Bechtolf die Buhs die Zustimmung übertönten. Eine vertrackte Premiere - doch eines ist klar: Umso gespannter darf man auf den restlichen "Ring" sein. Und auf die "Walküre" mit einem Juha Uusitalo bei Stimme. (apa/red)

3.12.2007 13:39