Unruhen nach Tod von Jugendlichen bei Paris: "Es ist keine Gewalt, sondern Wut"
- Mögliche neue politische Herausforderung für Sarkozy
- Arbeitslosigkeit, Diskriminierung & Bandenkriminalität
Das Motorrad am Lenker hochreißen und dann so lange und so schnell wie möglich nur auf dem Hinterrad fahren - das ist das Größte für viele Jugendliche aus den Pariser Vorstädten. Moushin und Larami, 15 und 16 Jahre alt, fuhren auf einem Cross-Motorrad durch Villers-le-Bel, als sie mit einem Streifenwagen zusammenstießen.
Die Nachricht von ihrem Tod verbreitete sich schnell in dem Ort mit 30.000 Einwohnern im Norden von Paris. Hunderte von Jugendlichen zogen durch die Straßen, setzten Autos in Brand, attackierten Polizisten. Die beiden Opfer sind schwarz, viele der Randalierer stammen aus Einwandererfamilien. Falls sich der Verdacht des Totschlags gegen die Polizisten erhärtet, könnten sich die Unruhen in den kommenden Tagen weiter ausweiten.
Parallele zu Deutschland
Es gibt eine deutliche Parallele zum Beginn der wochenlangen Krawalle von 2005. Damals waren zwei Jugendliche auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle ums Leben gekommen. Gerüchte über eine Mitschuld der Polizei an ihrem Tod heizten die Stimmung auf. In den drei Wochen dauernden Ausschreitungen brachen sich die Wut über die Vernachlässigung der Vorstädte, die mangelnden Perspektiven der Jugendlichen und der Frust über rassistische Erfahrungen Bahn. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy hatte im Juni 2005 mit seiner Bemerkung für Aufsehen gesorgt, dass er die Vorstädte "mit dem Kärcher (Hochdruckreiniger) säubern" wolle.
"Es ist keine Gewalt, sondern Wut"
"Die beiden Jugendlichen kannte jeder im Viertel", sagt Omar Sehhouli, ein Bruder eines der Opfer. Sie hätten bloß Cross-Motorrad fahren wollen. Bei YouTube im Internet finden sich mehrere Videos, die Jugendliche ohne Helm bei waghalsigen Fahrten in Villiers-le-Bel zeigen. Die nächtlichen Ausschreitungen hält der junge Bruder des Opfers für gerechtfertigt. "Es ist keine Gewalt, sondern Wut", sagt er in die Kameras. Wie schnell die Gemüter sich erhitzen, zeigten auch die Kommentare im Internet.
Neue politische Herausforderung für Sarkozy
Für Sarkozy, der sich derzeit für Großaufträge für die französische Wirtschaft in China feiern lässt, zeichnet sich möglicherweise eine neue politische Herausforderung in der Heimat ab. Seit den Krawallen von 2005 hat sich in den Vorstädten trotz zahlreicher angekündigter Maßnahmen die Lage kaum verbessert. Hohe Arbeitslosigkeit, soziale Diskriminierung und Bandenkriminalität bestimmen noch immer das traurige Bild der Pariser Vorstädte. Auch wenn Frankreich bewusst auf ethnische Statistiken verzichtet und die Gleichheit aller Franzosen betont, fühlen sich viele Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien in Afrika und im Maghreb weiterhin als Bürger zweiter Klasse.
Während des Wahlkampfs hatte Sarkozy sich nur selten und in großer Medienbegleitung in die betroffenen Vorstädte begeben. Seit seiner Amtsübernahme ist er zwar mit protestierenden Fischern und streikenden Eisenbahnern zusammengetroffen - doch die trostlosen Vorstädte hat er bisher vermutlich aus Sicherheitsgründen gemieden.
(apa/red)
