Montag, 26. November 2007

Schwere Krawalle in Pariser Vorort: Blutige Ausschreitungen nach Tod zweier Teenies

  • Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung aufgenommen
  • Angst vor landesweiten Unruhen wie im Herbst 2005

In einer nördlichen Pariser Vorstadt ist es in der Nacht zu schweren Krawallen gekommen, nachdem zwei Jugendliche bei einem Verkehrsunfall mit einer Polizeistreife ums Leben gekommen waren. 25 Polizisten und ein Feuerwehrmann wurden verletzt, Dutzende Geschäfte und Autos angezündet und zwei Polizeiwachen, ein Bahnhof und mehrere Geschäfte verwüstet, wie die Behörden bekanntgaben.

Die Ausschreitungen dauerten mehr als sechs Stunden, acht Personen wurden festgenommen. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung ein. Die Staatsanwälte gingen auch dem Verdacht der unterlassenen Hilfeleistung nach, wie sie mitteilten.

Die 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen hatten an einer Kreuzung in Villiers-le-Bel einen Polizeiwagen gerammt und waren noch am Unfallort verstorben. Nach Polizeiangaben hatten sie keinen Helm getragen, und ihr Geländemotorrad hatte keine Zulassung. Die Polizeigewerkschaft FO wies Gerüchte zurück, die Streifenbeamten seien an dem Unfall schuld gewesen. Die Motorradfahrer hätten die Vorfahrt missachtet. Der Zusammenstoß habe sich offensichtlich nicht während einer Verfolgungsjagd ereignet, hieß es unter Vertretern der Polizeigewerkschaft. "Es war ein Unfall." Französischen Medien zufolge widersprachen mehrere Augenzeugen diesen Angaben jedoch.

Bürgermeister appelliert an Bewohner
Der Bürgermeister von Villiers-le-Bel, Didier Vaillant, rief zur Ruhe auf. "Ich appelliere an alle Bewohner der Stadt, ganz besonders die jungen Menschen, damit wir in unserer Gemeinde zur Ruhe zurückkehren können", sagte Vaillant dem TV-Sender i-tele. Er forderte eine neutrale Untersuchung des Unfalls, der die Unruhen ausgelöst hatte.

Die Behörden von Villiers-le-Bel sprachen in der Nacht von einer dramatischen Situation. Die Jugendlichen setzten die Polizeiwache der Gemeinde in Brand und plünderten die Station der Nachbarstadt Arnouville-les-Gonesse. In Villiers ging zudem eine Autowerkstatt in Flammen auf. Die Feuerwehr verhinderte, dass der Brand auf eine weitere Werkstatt und eine nahe gelegene Tankstelle übergriff. Die jungen Leute steckten auch Mistkübel und Fahrzeuge an. Andere Jugendliche brachen in Geschäfte ein und plünderten sie. Ein Kommissar, der mit den Randalierern sprechen wollte, wurde im Gesicht und an der Lunge schwer verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden, wie ein Polizeigewerkschaftssprecher sagte. Es seien mehrere Schüsse gefallen.

Erinnerungen an den Herbst 2005
Der Unfall und die folgenden Krawalle weckten die Sorge, in Frankreich könnten neue landesweite Unruhen wie vor zwei Jahren ausbrechen. Im Oktober 2005 waren zwei Jugendliche im nördlichen Pariser Vorort Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Polizei in einem Umspannwerk ums Leben gekommen. Drei Wochen lang kam es im Anschluss zu schweren Ausschreitungen in vielen Pariser Vororten und Städten im ganzen Land.

"Alle Einzelheiten über das neue Drama müssen ans Licht gebracht werden, damit es nicht zu einem zweiten Clichy kommt", sagte der Chef der sozialistischen Oppositionspartei PS, Francois Hollande. Die Gewalt sei nicht zu entschuldigen, sie offenbare aber eine tiefe soziale und politische Krise. "Es gibt ein Klima von Verdächtigung und Hass in den Vororten", sagte Hollande dem Sender France Inter. "Der Staat hat bisher nur mit Autorität auf die Krise reagiert."

Nach den Unruhen vor zwei Jahren setzte in Frankreich eine Diskussion über die Benachteiligung von Jugendlichen aus den Pariser Vorstädten bei Ausbildung und Arbeitssuche ein. Die Gemeinden werden mehrheitlich von Einwandererfamilien aus den früheren Kolonialstaaten Frankreichs bewohnt.

(apa/red)

26.11.2007 15:07