Donnerstag, 22. November 2007

Mehr als 7.000 Todesfälle pro Jahr: EU- Drogenreport 2007 fällt ernüchternd aus

  • Kritik an Österreich: Nationaler Aktionsplan fehlt
  • Experten: Zugang zur Betreuung soll leichter werden

Letale Überdosierungen ist eine der häufigsten vermeidbaren
Todesursachen bei jungen Europäern. Experten fordern leichteren Zugang zur Betreuung. Dies stellt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) anlässlich ihres Reports für das Jahr 2007 fest. Vor allem Personen, die neben Opiaten auch noch andere Substanzen konsumieren, sind gefährdet. Abhilfe könnten vor allem Informationskampagnen unter den Abhängigen selbst und vermehrte Hilfsangebote bieten. Die EU übt in diesem Zusammenhang scharfe Kritik an Österreich. Nur Italien, Malta und Österreich hätten keinen nationalen Aktionsplan.

Es mache mehr Sinn, koordiniert vorzugehen, als von Bundesland zu Bundesland verschieden, sagte Roland Simon von der EU-Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht bei der Vorstellung des Berichtes. Die Bereitstellung größerer Finanzmittel und die Überwachung der Effektivität der Maßnahmen sei üblicherweise national leichter zu bewerkstelligen.

7.000 Todesfälle pro Jahr
"Mehr als 7.000 Todesfälle pro Jahr belegen deutlich, dass wir hinsichtlich der Prävention von Überdosierungen noch nicht auf dem richtigen Weg sind", so der EBDD-Chef Wolfgang Götz. Auf der anderen Seite sei man bei der Reduzierung der HIV-Infektionen unter Drogenkonsumenten einen guten Schritt weitergekommen, meint Götz. Auch die drogenbedingten Todesfälle sollen weniger werden, Götz verlangt daher "Innovationsgeist, Entschlossenheit und Vision sowie letztendlich die Bereitschaft der politischen Entscheidungsträger, in Programme zur Reduzierung von Überdosierungen zu investieren."

30 Prozent mehr Opfer in Österreich
Die Zahlen bezüglich der Suchtgifttoten in Europa, so die in Lissabon angesiedelte Drogen-Beobachtungsstelle, befänden sich auf einem "historisch hohen Niveau, ohne dass bei den neuesten Daten eine rückläufige Tendenz zu erkennen" sei. Schon in den vergangenen Jahren war im österreichischen Drogenbericht, die Daten fließen mit einem Jahr "Verspätung" in den EU-Report ein, von einer deutlichen Erhöhung der Zahl der Drogentoten die Rede gewesen. Staaten wie Österreich, Griechenland, Portugal und Finnland registrierten (zwischen 2002 und 2005) rund 30 Prozent mehr Opfer.

Die Diagnose der EBDD:
- Europa verfügt über keinen umfassenden Ansatz bei der Prävention von Überdosierungen.

- Zu den Risikofaktoren zählen der polyvalente Drogenkonsum (Mehrfach-Drogenkonsum, Anm.) unter Opioid-Konsumenten und eine zunehmende Verfügbarkeit von Heroin.

- Die Nachhaltigkeit der stabilen (Drogen-)Situation bei Heroin in Europa wird durch die wachsende Opiumproduktion in Afghanistan infrage gestellt (2006: 6.610 Tonnen).

- Die Schätzungen für die weltweite Heroinproduktion gehen von einem erneuten Anstieg aus: von 472 Tonnen im Jahr 2005 auf 606 Tonnen im Jahr 2006.

- Forschungen belegen zwar, dass Substitutionstherapien das Risiko einer tödlichen Überdosierung verringern, doch auch im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Substitutionsmitteln werden jedes Jahr Todesfälle gemeldet.

Gegenmaßnahmen
Erfolgversprechende Gegenmaßnahmen sind laut EBDD:

- Leichtere Zugänglichkeit der Behandlungsdienste

- Strategien zur Risikominderung für Drogenkonsumenten nach der Haftentlassung

- Erste-Hilfe-Kurse für Drogenkonsumenten zum Verhalten in Notsituationen

- Ausbildung der Mitarbeiter der Behandlungsdienste hinsichtlich der Risiken des polyvalenten Drogenkonsums

Am schlechtesten ist es wohl, speziell Opiatabhängige zu diskriminieren, zu stigmatisieren und in der Beschaffungskriminalität zu lassen. In dieser "Szene" spielen sich die meisten Tragödien ab.

(apa/red)

22.11.2007 12:54