NEWS-Gespräche: Philharmoniker-Chef Hellsberg über Probleme mit der Staatsoper
- Schließt Abgang mittelfristig nicht mehr aus
- Skizziert in NEWS ein mögliches Abgangsszenario
Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, äußert sich in der aktuellen NEWS-Ausgabe ausführlich zu aktuellen Problemen des Orchesters mit der Staatsoper. Eine ungünstige Pensionsregelung im Gefolge der Bundestheater-Ausgliederung - neue Orchestermitglieder beziehen seit 1998 nur noch die ungünstige ASVG-Pension - hat vermehrte Reisetätigkeit zur Folge. Zuletzt wurde kritisiert, das Orchester habe am Abend der "Pique Dame"-Premiere in Frankfurt Mahlers groß besetzte Zehnte Symphonie gespielt. Und der designierte Staatsoperndirektor Dominique Meyer schloss in einem Interview nicht mehr aus, auch andere Orchester - etwa ein Originalklangensemble für Barockopern - zu beschäftigen.
Hellsberg skizziert nun in NEWS ein mögliches Abgangsszenario: "Ich selbst kann nur zweigleisig denken: im Sinne der Oper und der sinfonischen Literatur. Beide sind für mich Ausdruck unserer Identität. Aber bei uns werden Mehrheitsbeschlüsse gefasst. Allein in den vergangenen sechs Jahren sind 41 Musiker in Pension gegangen. Die Zahl derer, die seit 1998 engagiert wurden - also der ASVG-Versicherten - ist schon jetzt sehr hoch. Vielleicht sind sie schon in der Überzahl. Und wenn sie eines Tages klar in der Mehrheit sind, kommt womöglich der Tag, an dem sie sich aus der Oper empfehlen."
Der finanzielle Verlust wäre kompensierbar, wenn das Orchester von
150 auf 115 Personen reduziert würde. Viele Musiker würden sich in Kammerensembles ein zusätzliches Einkommen verschaffen. Schon jetzt kämen Musiker, an denen man interessiert wäre, nicht zum Probespiel, weil ihnen das Verhältnis zwischen Doppelbelastung und Operngage nicht mehr einsichtig sei. Als Gegenstrategie nennt Hellsberg die Erhöhung der Orchesterbezüge und Motivation. "Ich erhoffe mir von der neuen Staatsopernführung endlich etwas wie eine Partnerschaft. Dann müsste es, wie jetzt in Salzburg, möglich sein, z. B. mit dem Konzertprogramm auf Opernpremieren zu reagieren."
Zu Meyers Vorstoß sagt Hellsberg, es könne sich ausschließlich um Gastspiele anderer Orchester für kurze Aufführungsserien handeln. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Meyer etwas anderes gemeint hat. Übrigens gibt es in unserem Orchester Leute, die gern Barock spielen, auch auf alten Instrumenten, obwohl das kein Naturgesetz ist. Weshalb soll man nicht mit ihnen ein Ensemble für Barockopern formen?"
"Pique Dame"-Premiere: Unglückliche Umstände
Die "Pique Dame"-Premiere sei eine Verkettung unglücklicher Umstände gewesen: Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung für die Mahler-Symphonie war an der Staatsoper noch Brittens "Tod in Venedig" als Premiere vorgesehen. "Das war mit dem Mahler vereinbar. Aber auch der Tschaikowski war zu machen. Wir sind in der Oper 148 Musiker, ich habe die Premiere selbst gespielt und sehr viele bekannte Gesichter um mich gesehen. Ich frage mich, wie Fachjournalisten, die über Jahrzehnte die Szene beobachten, behaupten können, wir bestünden in der Oper quasi aus Substituten."
In der Causa Neujahrskonzert - der Weltvertrieb wird, wie von NEWS exklusiv gemeldet, ab nächstem Jahr von der Schweizer Firma TEAM besorgt - sei TEAM am Verhandeln mit dem ORF. Es geht auch darum, ob der ORF überhaupt noch die Produktion innehaben wird. Hellsberg: "Es wäre unser erklärtes Ziel, dass der ORF mit seiner großen Erfahrung weiter die Produktion macht und die Ausstrahlung in Österreich übernimmt. Die Unterschiede in den Positionen sind massiv, aber nicht unüberwindbar." Der ORF will den Ausfall des Weltvertriebs finanziell abgegolten haben.
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