Mittwoch, 14. November 2007

Pläne für "Neue Mittelschule": Experten präsentierten ihre "Vision" zur Schulreform

  • Individualisierung ja, Schulnoten sollen aber bleiben
  • ÖVP, FPÖ und BZÖ mit Kritik, Grüne sehen Positives

Ein Hinausschieben der Bildungswegentscheidung von neuneinhalb auf 14 Jahre, die Individualisierung des Unterrichts, ein Aus für das Sitzenbleiben, ein Verzicht auf Ziffernnoten in den ersten drei Klassen einer "Neuen Mittelschule" sowie ein Abgehen von den starren 50-Minuten-Unterrichtseinheiten - diese "Vision" hat die Expertenkommission zur Schulreform um den ehemaligen steirischen VP-Klubobmann Bernd Schilcher Unterrichtsministerin Claudia Schmied für die Modellregionen zur "Neuen Mittelschule" vorgelegt.

Schmied selbst gab sich vorerst zurückhaltend - welche Vorschläge konkret machbar und umsetzbar seien, werde sich erst zeigen.

Individualisierung im Vordergrund
Schilcher wäre aber nicht böse, wenn nicht alle Vorschläge übernommen werden: Für die Umsetzbarkeit sei Schmied verantwortlich: "Wir haben null Ehrgeiz, Ersatzpolitiker zu spielen." Unverzichtbar ist für die stellvertretende Kommissionsvorsitzende, Infineon-Vorstandschefin Monika Kircher-Kohl, aber die Individualisierung des Unterrichts. Auch die derzeitige "Fächerzerstückelung" in "starre 45-Minuten-Einheiten" würde dem Konzept widersprechen.

Noten bleiben
Beibehalten will Schmied jedenfalls die Schulnoten. Am Sitzenbleiben hängt sie dagegen nicht und bevorzugt ein Kurssystem. Es sei auch aus ökonomischer Sicht nicht zielführend, wenn Schüler ein ganzes Jahr verlieren. Ähnlich sieht dies Kircher-Kohl: Durch das Sitzenbleiben würden "Bildungsressourcen vergeudet", die stattdessen in positive Maßnahmen wie Stützlehrer investiert werden könnten.

Von der Kommission als "wünschenswert" bezeichnet wird die Führung der "Neuen Mittelschule" als Ganztagsschule. Als nötig erachtet Schilcher auch die starke Ausweitung der Angebote im Kultur-, Sport- und handwerklichen Bereich: Nur so könnten die Begabungen und Interessen der Kinder entdeckt werden. Bei der Lehrerausbildung plädierte Kircher-Kohl für eine Eingangsprüfung vor dem Studium sowie "mehr Durchlässigkeit" für den Lehrberuf. Pädagogen sollten auch einmal ein Jahr in einem Betrieb zubringen oder während eines halbjährigen Sabbaticals auf Weltreise gehen können. Die Personalauswahl wiederum sollte bei den Schulen liegen. Die "zentrale Zuweisung, dass der nächste aus der Liste drankommt, gibt es nicht einmal mehr in Albanien", so Schilcher.

Hahn zeigt sich unbeeindruckt
Wissenschaftsminister Johannes Hahn bezeichnete die Vorschläge der Expertenkommission als nicht "sonderlich spektakulär" und sprach sich für eine Beibehaltung des Notensystems aus. Nichts dagegen hat er, Alternativen zum Sitzenbleiben auszuprobieren. SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser geht davon aus, dass für die Umsetzung vieler Vorschläge gesetzliche Änderungen nötig sind. Die Grünen befürworten die Stoßrichtung der Experten, verlangen von Schmied aber mehr Mut bei der Umsetzung, FPÖ und BZÖ üben Kritik an der vorgeschlagenen Abschaffung der Ziffernnoten. Die Industriellenvereinigung sieht den "Elchtest" in der Umsetzung und ist ebenfalls skeptisch bezüglich eines Aus für Ziffernnoten. Die Arbeiterkammer verlangt eine flächendeckende Gesamtschule sowe die Einführung eines verpflichtenden Vorschuljahrs für alle.

Modellversuche zur Neuen Mittelschule wird es nach aktuellem Stand in der Steiermark, im Südburgenland und in Klagenfurt geben. Möglich ist außerdem eine Teilnahme von Schulen in Salzburg und Villach. Einstimmig gegen eine Teilnahme an den Modellversuchen hat sich die AHS im weststeirischen Köflach ausgesprochen - damit ist in dieser Region keine AHS-Unterstufe mit dabei. (apa/red)

14.11.2007 16:07