Die Schweizer und ihre 'Nati': Von gelebter Neutralität & "Geistiger Landesverteidigung"
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Sie rufen sie "Nati". Es ist eine fast schon niedliche Bezeichnung für die Schweizer Nationalmannschaft. Ein Ausdruck, der sich Überlieferungen zufolge in den 1960er-Jahren in der Deutschschweiz eingebürgert haben soll. Vier Buchstaben, die allerdings nur wenig über die lange Geschichte des Schweizer Fußballs und seinen historisch-kulturellen Zusammenhang aussagen.
Die Schweiz gilt als fußballerisches Pionier-Land. Britische Studenten brachten das Spiel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf das europäische Festland und somit auch in die Schweiz. Jene Leute also, die in dieser Zeit zu den Privilegierten gehörten, Freizeit hatten und diese mit Sport füllten. Mit dem Lausanne Football and Cricket Club wurde 1860 der erste Fußball-Verein des Landes gegründet, noch heute vermuten viele, dass es sich dabei um den ersten Klub Kontinentaleuropas handelte.
Im Jahr 1895 gründeten elf Vereine die "Schweizerische Football-Association". Anfänglich waren vier der fünf Mitglieder der Verbandsleitung Briten. Der Verband gehörte 1904 zu den sieben Gründungsmitgliedern der FIFA und nannte sich 1913 in Schweizerischer Fußballverband (SFV) um. Mit der Eindeutschung des Namens sollte der als typisch britisch geltende Sport besser in der Bevölkerung integriert werden.
Starker englischer Einfluß
Der Fußball war damals sehr stark vom Englischen geprägt. Noch immer erinnern Klubs wie die Young Boys Bern, die Basler Old Boys oder die Grasshoppers Zürich an diese Phase. Begriffe wie Ecke, Elfmeter oder Tor wurden bei den Eidgenossen ebenfalls nicht heimisch. Es wird nach wie vor von Corner, Penalty oder Goal gesprochen.
In den Anfangszeiten war die Schweiz in Sachen Fußballs ein wesentlicher "Entwicklungshelfer". Von hier aus verbreitete sich das Spiel in alle Himmelsrichtungen quer durch Europa. Meist durch Absolventen von Eliteschulen oder Universitäten, die während ihrer Studienzeit mit dem runden Leder in Berührung kamen und es in ihre Heimatländer brachten. Aber auch Schweizer trugen den Fußball in die weite Welt. Unter anderem gründete Hans Gamper 1899 den FC Barcelona, die Mehrheit der Gründungsmitglieder von Inter Mailand waren Schweizer.
Das erste Länderspiel der Schweiz ging am 12. Februar 1905 gegen Frankreich 0:1 verloren. Die ehrenvollen Niederlagen begannen früh. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war der Spielbetrieb stark eingeschränkt. Spielfelder wurden als Äcker verwendet, Spieler leisteten Militärdienst. Nach Kriegsende normalisierte sich die Situation rasch. Am 27. Juni 1920 kam es in Zürich zu einer politisch äußerst brisanten Partie gegen Deutschland. Die FIFA hatte den Kriegsverlierer mit einem Bann belegt, die Schweizer ignorierten ihn. Es folgten Proteste vieler Weltverbandsmitglieder, das Match fand dennoch stand.
Schweizer Riegel & "Geistige Landesverteidigung"
In der langen Geschichte der Schweizer Nationalmannschaft gibt es immer wieder erstaunliche Parallelen zur gesellschaftspolitischen Wirklichkeit. Als das Team bei der WM 1938 mit einer vom Wiener Trainer Karl Rappan injizierten Defensivtaktik, dem Schweizer Riegel, Großdeutschland besiegte, wurde das Spielsystem Symbol für die wehrhafte Schweiz.
Nach dem Sieg über die Deutschen galten die Fussballer nicht mehr als Vertreter eines "unschweizerischen" Sports, sondern als Identifikationsfiguren. Sie wurden sogar mit den Helden der frühen Eidgenossenschaft verglichen. Die Schweiz hatte zumindest auf dem Spielfeld das expandierende Deutsche Reich in die Schranken verwiesen. Das Spiel war nun ein Element der "Geistigen Landesverteilung", jener Kulturpolitik, welche die demokratischen und kulturellen Grundwerte der Schweiz vor dem Einfluss der totalitären Nachbarstaaten bewahren sollte. Der Schweizer Riegel wandelte sich also zu einem mythisch überhöhten Symbol des schweizerischen Selbstbehauptungswillens.
Die Schweiz verstand unter gelebter Neutralität auch während des Zweiten Weltkriegs, zu Länderspielen gegen das Deutsche Reich oder gegen Vichy-Frankreich anzutreten. Sie war es auch, die 1950 als erste ein Match gegen das besiegte Deutschland austrug und dem Land half, den Weg aus der Isolation zu beschreiten.
"Ehrenvolle Niederlagen"
In der Nachkriegszeit ließen die sportlichen Erfolge trotz vier WM-Teilnahmen auf sich warten. Die Zeit der "ehrenvollen Niederlagen" begann. Die Nationalmannschaft fiel immer weiter hinter die Weltspitze zurück, verhältnismäßig viele Spiele wurden knapp verloren, Unentschieden gegen starke Gegner als Siege gefeiert. Erst als Ende der 80er-Jahre auch der mit Vorschusslorbeeren bedachte Daniel Jeandupeux nicht die erhofften Ergebnisse erzielen konnte, leitete der SFV längst überfällige Reformen bei den Verbandsstrukturen und bei der Juniorenförderung ein.
Der Deutsche Uli Stielike und der Engländer Roy Hodgson leisteten in den Folgejahren wichtige Aufbauarbeit. Mit der WM-Teilnahme 1994 und dem Erreichen der EM-Endrunde 1996 gab es erste Erfolge. Es folgte ein kurzes Zwischentief, da nach der EM viele Leistungsträger zurücktraten und das Anfang der 90er-Jahre geförderte Nachwuchsprogramm noch ein bisschen Zeit brauchte, um genügend Talente hervorzubringen.
Generationswechsel unter Kuhn
Einen deutlichen Aufschwung gab es schließlich unter Jakob "Kobi" Kuhn, der nach der verpassten WM-Qualifikation 2002 das Amt des Nationaltrainers übernahm. Er schaffte es, die früher von ihm im U21-Team betreuten Jugendspieler in die Nationalmannschaft zu integrieren, einen Generationswechsel herbeizuführen und die "Nati" an die Weltspitze heranzuführen.
(red)
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