Samstag, 10. November 2007

"Warum schweigst Du nicht endlich?": Chavez empört König Juan Carlos auf Gipfel

  • Bezeichnete früheren Regierungschef als "Faschisten"
  • Soziale Gerechtigkeit: Nur allgemeine Ziele festgelegt

Der dem Thema der sozialen Gerechtigkeit gewidmete 17. Iberoamerika-Gipfel in Santiago de Chile ist mehr mit Zwist und Streit als mit einer konkreten Lösung zu Ende gegangen. Für erheblichen Unmut sorgte der wegen seiner bisweilen rüden Äußerungen bekannte venezolanische Präsident Hugo Chavez, der regelmäßig bei internationalen Treffen als Spielverderber gilt. Er warf spanischen Unternehmern vor, den Putschversuch gegen ihn im April 2002 unterstützt zu haben und bezeichnete den früheren spanischen Regierungschef Jose María Aznar als "Faschisten".

Als Chavez die Vorwürfe in seiner Abschlussrede wiederholte, ergriff auch Aznars Nachfolger Jose Luis Rodríguez Zapatero das Wort. "Aznar wurde vom spanischen Volk gewählt und ich verlange Respekt", legte sich der spanische Regierungschef für seinen innenpolitischen Kontrahenten ins Zeug. Als Chavez ihm ins Wort fallen wollte, fuhr der spanische König Juan Carlos den venezolanischen Staatschef wütend an: "Warum schweigst Du nicht endlich?". Als daraufhin auch der linksgerichtete nicaraguanische Präsident Daniel Ortega Kritik an spanischen Unternehmen übte, verlor der Monarch völlig die Beherrschung und verließ vorübergehend den Sitzungssaal.

Ausgerechnet der kubanische Vizepräsident Carlos Lage versuchte dann die Wogen zu glätten und warb um Verständnis für Chavez, der sich doch nur gegen wiederholte Angriffe durch Aznar verteidigt habe. "Das Recht Venezuelas, sich zu verteidigen, sollte man nicht als Angriff auf den König oder die Regierung Spaniens oder sein Volk interpretieren", sagte Lage nach einem Bericht der spanischen Tageszeitung "El Pais" (Internetausgabe).

Schon zuvor hatte der uruguayische Präsident Tabare Vazquez seinen argentinischen Amtskollegen Nestor Kirchner in Rage gebracht, als er kurz vor Beginn des Gipfels die Betriebsgenehmigung für eine neue, seit Jahren zwischen beiden Ländern umstrittene Papierfabrik erteilte. Argentinien hatte sich besorgt über die Umweltfolgen der an einem gemeinsamen Grenzfluss liegenden Anlage geäußert. "Das war ein Schlag gegen das ganze argentinische Volk", soll Kirchner seinen uruguayischen Kollegen im Hotel angeraunzt haben. Der Konflikt um die Papierfabrik hatte im Vorjahr bereits den Wiener EU-Lateinamerikagipfel überschattet. Eine argentinische Umweltaktivistin sorgte jedoch auch für Heiterkeit bei den mehrheitlich männlichen Gipfelteilnehmern, als sie sich knapp bekleidet mit einem Transparent auf Gipfel-Familienfoto schmuggeln wollte.

Soziale Gerechtigkeit: Nur allgemeine Ziele festgelegt
Bei dem eigentlichen Thema der sozialen Gerechtigkeit konnten sich die Vertreter von 22 Ländern Lateinamerikas sowie Spaniens, Portugals und Andorras nur auf allgemeine Ziele einigen. Die dafür notwendigen Schritte und Strategien wurden jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten weitgehend im Vagen gelassen. Der Generalsekretär des Gipfels, Enrique Iglesias, räumte auf einer Pressekonferenz eine "Atmosphäre, in der es Differenzen gab", ein. Chavez hatte von Anfang an das Thema "sozialer Zusammenhalt" als unzureichend zurückgewesen. "Die Reichen wollen gerne sozialen Zusammenhalt. Ich spreche liber von sozialem Wandel, der zu größerer sozialer Gerechtigkeit führt."

Dabei war der spanische Regierungschef Rodriguez Zapatero mit einer dicken Brieftasche zum Gipfel gekommen. Er kündigte nämlich an, dass Spanien kommendes Jahr eine Milliarde Euro an Finanzhilfe in den lateinamerikanischen Kontinent pumpen wird. "Das ist eine Verpflichtung, ein moralisches Muss. Spanien will wachsen, aber nicht allein", sagte der Sozialist. Das Geld soll für Bildungs- und Gesundheitsprojekte aufgewendet werden.

(apa/red)

10.11.2007 21:23