Dienstag, 30. Oktober 2007

Lücke von 142 Mio. € nicht belegt: "Soko BAWAG" berichtete über Kontenbewegungen

  • Drittel der Uni-Bond-Verluste 2000 nicht hinterfragt
  • Zwettler: "Wir haben ein Riesen-Bilanzproblem"

Die Arbeit der "Sonderkommission BAWAG" rückte am 44. Verhandlungstag in den Mittelpunkt des BAWAG-Prozesses. Zeuge Andreas Herb von der "Soko BAWAG" sagte aus, im Verlust-Audit des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Arthur Andersen seien für die Uni-Bonds-Veranlagungen im Jahr 2000 nur 70 Prozent der Geschäftsvorgänge untersucht worden, eine Lücke von 142 Mio. Euro Verluste bei den Spekulationsgeschäften von Wolfgang Flöttl sei also vom Audit nicht belegt. Zeuge Michael Glatzmeier berichtete, die Untersuchung von 47.000 Kontenbewegungen habe die bisherigen Berichte im wesentlichen bestätigt, das Ziel der Geldflüsse habe man jedoch großteils nicht ermitteln können.

Das ehemals angesehene Wirtschaftsprüfungsunternehmen Arthur Andersen, das 2002 im Zuge des Enron-Skandals wegen Behinderung der Justiz verurteilt und in weiterer Folge zerschlagen wurde, hatte in den Jahren 1998 und 2000 Verlust-Audits über die von Investmentbanker Flöttl verursachten Verluste erstellt. Während das erste Audit derzeit von einem Sachverständigen beleuchtet wird, nahm Herb heute zum zweiten Audit Stellung.

Arthur Andersen hätte vor allem die aus den Uni-Bonds-Veranlagungen resultierenden Verluste zu überprüfen gehabt. Es wurden allerdings nur 69,6 Prozent der dafür in Frage kommenden Geschäftsvorgänge in Augenschein genommen, so der Ermittler: Die Prüfer hätten Stichproben gezogen und diese "zu 100 Prozent nachvollzogen", sagte Herb. Von den behaupteten 464 Mio. Euro, die Flöttl im zu überprüfenden Zeitraum verspekuliert haben soll, wurde so aber nur der Verbleib von 322 Mio. Euro geklärt und als tatsächlich verloren erklärt. Die Frage, warum von Andersen nicht umfassend geprüft worden war, konnte der BAWAG-Ermittler nicht beantworten.

Jänner 2001: Erneut 13 Mio. für Flöttl
Die Soko hatte auch festgestellt, dass Flöttl noch im Jänner 2001 und damit wenige Wochen, bevor der ÖGB als damaliger Mehrheitseigentümer eine Garantieerklärung für die finanziell schwer angeschlagene Bank abgab, noch rund 13 Mio. Euro zur Verfügung gestellt bekam, "um Ansprüche abzudecken und Fonds zu liquidieren", wie dazu der ehemalige BAWAG-Generalsekretär und spätere Vorstand Peter Nakowitz ausführte. Im April 2001 flossen rund 17 Mio. Euro zurück auf der BAWAG zuzurechnende Stiftungen in Liechtenstein, was den Eindruck erwecken könnte, Flöttl hätte dieses Geld zum - diesmal erfolgreichen - Spekulieren und nicht zum Ruhendstellen seiner Firmengruppe verwendet. Flöttl beteuerte, der damalige BAWAG-Generaldirektor Helmut Elsner habe dies mündlich abgesegnet. Elsner widersprach und bezichtigte Flöttl der Lüge.

Gewinner bei den für die BAWAG verlustreichen Spekulationen seien die Makler bzw. deren Kunden gewesen, erläuterte Herb. Durch Anfragen bei Lehman Brothers oder Morgan Stanley könnte man ermitteln, wer auf der anderen Seite der Geschäfte gestanden sei. Flöttl wies den Verdacht, er selber habe auf der anderen Seite gegen sich spekuliert und so auf Kosten der BAWAG Verluste gemacht, selber aber Gewinne erzielt, als "ungeheuerlich" zurück. Er sei gerne bereit, der Wirtschaftspolizei eine Bankenvollmacht zur Verfügung zu stellen. Bei den renommierten Makler-Firmen würden Handelsgeschäfte einer Firma mit sich selber auf jeden Fall auffallen, so Flöttl.

Insgesamt 47.000 Transaktionen untersucht
Michael Glatzmeier von der "Sonderkommission BAWAG" berichtete über die Untersuchung der finanziellen Transaktionen: Insgesamt 47.000 Transaktionen wurden untersucht, dabei sei im wesentlichen das Ergebnis der diversen Berichte zum BAWAG-Skandal (Karibik-Bericht, Nationalbank-Bericht) bestätigt worden. Wohin das Geld von der BAWAG dann gegangen sei, wurde allerdings nur teilweise festgestellt, "größtenteils nicht", erklärte Glatzmeier auf Befragung durch Richterin Claudia Bandion-Ortner. Das Ziel des Geldes sei nicht eindeutig zu erkennen, wenn die Transaktion über internationale Korrespondenzbanken geführt werde.

Die "Soko BAWAG" des Bundeskriminalamts umfasste am Höhepunkt 30 Beamte und hat derzeit 15 Mitarbeiter, die nicht nur laufend die Staatsanwaltschaft und das Gericht mit neuen Erkenntnissen zu inkriminierten Abläufen beliefern, sondern vor allem auch im Refco-Komplex ermitteln, der im kommenden Jahr Gegenstand einer weiteren Anklage der Staatsanwaltschaft Wien gegen den damals verantwortlichen BAWAG-Vorstand werden könnte. (apa/red)

30.10.2007 15:42