Dreher, Schlosser & der "Panenka-Heber":
Die Fußballkunst der Tschechoslowakei
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"Schieß jetzt bloß vernünftig, Tonda, hörst du? Das hier ist ein EM-Finale und kein Freundschaftsspiel." Es ist der 20. Juni 1976. Antonin Panenka steht unterm Nachthimmel von Belgrad am Elferpunkt. Die CSSR führt im Elfmeterschießen gegen Deutschland 4:3. Wenn Panenka trifft ist die Tschechoslowakische Republik Europameister. Der Mittelfeldspieler läuft an. der deutsche Torhüter Sepp Maier hechtet in Erwartung eines scharfen Strafstoßes in eine Ecke, doch das Schlitzohr Panenka schaufelt den Ball in die Mitte des Tores. Tschechien gewinnt den Titel, der Schuss geht als "Panenka-Heber" in die Geschichte ein.
Der historische Titelgewinn für die Tschechoslowakei überstrahlt auch mehr als drei Jahrzehnte später alle sonstigen Erfolge der seit 1993 getrennten Staaten. Kein anderes fußballerisches Ereignis hat sich so ins kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt wie das "Wunder von Belgrad".
"Eine schlecht eingerichtete Wohnung & einen Lada"
Wie all seine Teamkollegen auch, verdiente Panenka als Spieler damals in seiner Heimat sein Geld. Nur wer 32 Jahre alt war und mindestens 45 Länderspiele für die CSSR absolviert hat, bekam vom Verband die Freigabe für einen auch finanziell lukrativen Wechsel ins Ausland. Fußballprofis gab es in der kommunistischen CSSR nicht. Die Spieler waren offiziell Dreher, Schlosser oder Drucker in einem der staatlichen Unternehmen und bekamen den normalen Lohn eines Arbeiters. "Am Ende meiner Karriere besaß ich eine schlecht eingerichtete Wohnung und einen Lada", gab Panenka einmal zu Protokoll.
Die Historie des tschechischen Fußballs ist auch ein Abriss der jüngsten und sehr ereignisreichen Geschichte des Landes. Am 19. Oktober 1901 gegründet wurde der Fußballverband 1907 in die FIFA aufgenommen, aber nur ein Jahr später auf Druck Österreich-Ungarns, das seine staatliche Integrität gefährdet sah, wieder ausgeschlossen. Mit der Okkupation Tschechiens durch die deutsche Wehrmacht Ende der 1930er-Jahre, verlor der Fußballverband seine Freiheit. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Kommunistische Partei die Macht, was auch auf den Fußball Auswirkungen hatte, der völlig umorganisiert wurde.
Sport spielte im "Klassenkampf" gegen den kapitalistischen Feind aus dem Westen eine wesentliche Rolle. Ein Sieg auf dem Fußballplatz oder im Rahmen einer Sportveranstaltung wurde propagandistisch als Sieg des kommunistischen Systems über jenes des Kapitalismus ausgeschlachtet.
Nachfolger des tschechoslowakischen Teams
Mit dem Zerfall der CSSR und der Gründung der beiden selbstständigen Staaten Tschechien und Slowakei 1993 wurde ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die tschechische Nationalmannschaft (Vize-Europameister 1996) ist formal Nachfolgerin des tschechoslowakischen Teams und darf sich die Erfolge der Vergangenheit auf seine Fahnen heften.
Dazu zählen neben dem EM-Titel von 1976 auch die beiden Vize-Weltmeisterschaften 1934 und 1962 mit den Finalniederlagen gegen Italien und Brasilien. Auf Italiens Titelgewinn 1934 fiel ein dunkler Schatten. Unzweifelhaft waren die Schiedsrichter derart von der faschistischen Propaganda Mussolinis eingeschüchtert, dass sie das Gebot der Unparteilichkeit aufgaben. Tschechien hatte darunter ebenfalls zu leiden. Der Weg Italiens ins Finale war mit skandalösen, viele meinen "gekauften", Schiedsrichterentscheidungen gepflastert. Im Endspiel war dies nicht viel anders. Die spielerisch überlegenen Tschechen verloren gegen die Squadra Azzurra 1:2 nach Verlängerung.
(red)
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