2.11.2007 15:32

Wirtschaftliche EURO-Erfolge bescheiden:
Experten erwarten keine großen Effekte

  • Wirtschaftlicher Nutzen ist nur schwer berechenbar
  • "Glücksschub" und "Baby-Boom" nach deutscher WM

Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer Fußball-Europameisterschaft wie der EURO 2008 in Österreich und der Schweiz sind äußerst bescheiden. Zu diesem Schluss kommen die Schweizer Universitätsprofessoren Egon Franck und Helmut Dietl in einer Analyse, die in der Online-Ausgabe der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) veröffentlicht wurde. Beide Autoren befassen sich seit Jahren mit der Ökonomie des Sports.

Die Autoren verweisen auf eine Reihe von "methodologischen Problemen" bei der Ermittlung des Nutzens für eine Volkswirtschaft. Erstens sei die geografische Zuordnung der jeweiligen Effekte sehr schwierig. Denn hohe Gewinne fallen durch den Verkauf von Fernsehrechten, exklusive Sponsorenverträge, den Verkauf von Eintrittskarten und Merchandising-Produkten an. Diese Erträge kommen in erster Linie dem Europäischen Fussballverband (UEFA) zugute, dem Dachverband der nationalen Fußballverbände. Die UEFA hat ihren Sitz zwar in Nyon am Genfersee, die Gewinne werden letztlich aber auf alle Mitgliedsverbände weiterverteilt.

Ein weiteres Hauptproblem bestehe in der Unterscheidung zwischen Brutto- und Nettoeffekten. Es genüge nicht, die Ausgaben aller Zuschauer für Tickets, Transport, Verpflegung, Übernachtung und Souvenirs zu addieren. Denn die meisten Konsumenten hätten ein relativ starres Freizeitbudget. Die Ausgaben für ein Fussballspiel würden somit an anderer Stelle wieder eingespart. Größere Nettoeffekte könnten somit nur von ausländischen Besuchern kommen. Dabei sei aber zu berücksichtigen, inwieweit Fußballtouristen andere Gäste verdrängen würden. So könnten die Hotels auch ohne EM voll belegt sein, damit würde es keine Zusatzeinnahmen aus der EM geben. Und möglicherweise hätte der typische verdrängte Tourist eine höhere Kaufkraft als der typische Fußballtourist.

Zu berücksichtigen seien auch mittelbare Investitions- und Beschäftigungswirkungen. Würden Zusatzeinnahmen gespart, gebe es keine gesamtwirtschaftlichen Effekte. Bei Vollbeschäftigung und begrenzten Möglichkeiten der kurzfristigen Ressourcenzufuhr aus dem Ausland geht von zusätzlichen Ausgaben kein Investitions- und Beschäftigungsimpuls aus. Andernfalls entstehe ein "Multiplikatoreffekt" - jeder zusätzlich ausgegebene Euro ziehe damit weitere Ausgaben nach sich. "Die Erfahrung lehrt, dass sich der indirekte Beschäftigungseffekt durch die Wahl geeignet großer Multiplikatoren fast beliebig aufblähen lässt", so die Autoren.

Image-Effekte schwer messbar
Effekte in Bereichen wie Image oder Gesundheit seien äußerst schwierig messbar, so die Experten. Zudem müsse eine Wirkungsanalyse auch berechnen, welche Investitions-, Beschäftigungs-, Image- oder Gesundheitseffekte von alternativen Maßnahmen ausgingen. "Wenn man die inländische Volkswirtschaft ankurbeln oder die Gesundheit der Bevölkerung verbessern will, gibt es sicherlich noch andere und wahrscheinlich direkter wirkende Instrumente als eine Fußball-EM", meinen Franck und Dietl.

Auch das Deutsche Institut der Wirtschaft (DIW) stellte in einer Studie fest, dass von der Fußball-WM in Deutschland "mit hoher Wahrscheinlichkeit keine nennenswerten gesamtwirtschaftlichen Effekte" ausgingen. Das sei auch nicht das primäre Ziel: "Wann immer man einen Großanlass auf diese Weise instrumentalisieren will, läuft man Gefahr, dass er verglichen mit direkten Fördermaßnahmen zwangsläufig bescheiden dasteht."

Glücksschub und Baby-Boom
Wichtiger sei die Frage, ob und wie weit sich die Gastgeber durch die EM "glücklicher fühlen" und wie sich dieser "Glücksschub" zu den anfallenden Kosten verhalte. Hier könne die moderne Glücksforschung relevantere Ergebnisse liefern als die übliche Impact-Forschung. So sei in Deutschland neun Monate nach der Fußball-WM die Geburtenrate außergewöhnlich angestiegen. "Offenbar erhöht eine positive Grundstimmung die Wahrscheinlichkeit des Schwangerwerdens", schlussfolgern die Autoren. Somit würden letztlich die Spieler der EM-Gastgeberländer entscheiden, ob die Rechnung für Österreich und die Schweiz aufgeht.
(apa/red)

2.11.2007 15:32
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