Mittwoch, 31. Oktober 2007

Jubel und Sorge in Brasilien wegen der WM:
Große Zweifel an möglicher Finanzierung

  • Stadtrat: 'Unsere Korruption ist ja mehr als bekannt'
  • Kein einziges Stadion derzeit in WM-reifem Zustand

Samba, Sorge, Skepsis: Die Vergabe der Fußball-WM 2014 spaltet Brasilien. Bei den offiziellen Jubelfeiern tanzten die Menschen fähnchenschwenkend, doch der Zuschlag für das Event in sieben Jahren löste nicht nur Partys, sondern auch Skepsis aus. "Das wird wieder eine große Klauerei, Steuergelder werden verschwinden", klagte Socrates. Ein Großteil der geplanten Kosten von mindestens neun Milliarden Dollar (6,3 Millarden Euro) "wird aus der Tasche des Volkes fließen", ist sich der frühere Weltstar sicher.

Zweifel an der Fähigkeit des Schwellenlandes, das Mammutprojekt zu stemmen, überlagerten schnell die Freude. Auch die bekannte TV-Sportjournalistin und Stadträtin von Sao Paulo, Soninha, ahnte Schlimmes: "Die WM-Vergabe an Brasilien ist verwegen. Unsere Korruption ist ja mehr als bekannt". Kritische Stimmen erzürnen nicht nur den nationalen Verbandspräsidenten Ricardo Teixera, der Brasiliens Legende Pele nach dessen jahrelangen Streitigkeiten mit dem Verband erst gar nicht zur Vergabe nach Zürich mitgenommen hatte.

Auch FIFA-Boss Joseph Blatter reagierte nach der Vergabe an den Rekordchampion gereizt auf Fragen zu den Themen Kriminalität, Verkehr und Stadionbau. "Ich verlange Respekt gegenüber der FIFA und ihren Mitgliedern", meinte der Schweizer. Mit aller Macht will der Weltverbandspräsident verhindern, dass um die WM-Tauglichkeit Brasiliens die gleiche Diskussion entsteht wie um 2010-Gastgeber Südafrika. Dass die zweite WM hintereinander in ein Land mit großen sozialen Problemen vergeben wurde, ist aber auch Blatter offenbar bewusst. Schon jetzt kündigte er an, dass es in Brasilien wie auch in Südafrika eine vergünstigte Ticketkategorie für die heimische Bevölkerung geben wird.

Kein einziges Stadion WM-reif
Nicht ein einziges der 18 zur Auswahl stehenden Stadien ist derzeit reif für die WM. Das legendäre Maracana in Rio wurde vor den Panamerikanischen Spielen für 150 Millionen Euro renoviert. Dennoch bietet es nur den Komfort eines europäischen Drittligastadions. Eine Inspektionskommission der FIFA schätzte jüngst, Brasilien werde allein für die Stadien 1,1 Milliarden Dollar ausgeben müssen. Dass diese Summe nicht genügen könnte, ist anzunehmen. Derzeit wird untersucht, warum die Kosten für die Panamerikanischen Spiele 2007 in Rio auf mysteriöse Weise um das Zehnfache auf 1,6 Milliarden Euro in die Höhe schossen.

Sportminister Orlando Silva wies unterdessen alle Bedenken zurück. Die Kritiken ausländischer Medien zeugten von Vorurteilen, meint er. Auch Altcoach Mario Zagallo sieht nur Positives: "Wir haben sieben Jahre, das ist sehr viel Zeit". Die meisten im Ausland tätigen Profis erklärten, eine WM-Teilnahme im eigenen Land wäre ein Traum. "Die WM wird die Stimmung in Deutschland noch übertreffen. Denn Brasilien ist rettungslos Fußball verrückt. Es wird ein Riesenfest. Mein Land wird einen Monat durchfeiern", sagte Marcelo Bordon von Schalke 04.

Favelas und Drogenmafia
Der Alltag in Brasilien ist für viele Menschen jedoch keineswegs ein Traum. Rio ist von unzähligen Favelas "umzingelt", in denen die Drogenmafia das Sagen hat. Stundenlange Feuergefechte mit der Polizei und zwischen rivalisierenden Banden sind an der Tagesordnung. Rund 40.000 Menschen werden jedes Jahr in Brasilien ermordet. Der schlechte Zustand der Landstraßen in einem riesigen Land ohne Eisenbahnnetz und mit einem chaotischen Luftverkehr, das Fehlen einer U-Bahn in den meisten der 18 Bewerberstädten sowie das tägliche Verkehrschaos in allen Großstädten sind weitere Problemfelder.

Die WM-Befürworter argumentieren, dass gerade diese Sorgen durch die WM beseitigt würden, da das Land zu Investitionen gezwungen sei. Eine Aberkennung der Gastgeberrolle, wie 1986 Kolumbien widerfahren, wäre eine nationale Schande. Und wie in einer Drohkulisse schrieb die Zeitung "Folha de Sao Paulo" in ihrer Onlineausgabe schon von beginnender "Lobbyarbeit" der WM-Notfallkandidaten USA und Kanada.

(apa/red)


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31.10.2007 16:19