Vor dem Tennis-Saisonfinale: Dopingvor-
würfe, Gerichtsprozesse und illegale Wetten
- "Weißer Sport" wird durch Skandalwelle beschmutzt
- Ermittlungen gegen Dawidenko wegen illegaler Wetten

·Große Empörung über Martina Hingis
Kokaingedopte Hingis beteuert ihre Unschuld
·Andy Murray ortet Wettbetrug im Tennis
Favoriten kassieren hohe Beträge für Niederlagen
Illegale Wetten, Dopingvorwürfe und ein erbittert geführter Gerichtsprozess um das Turnier am Hamburger Rothenbaum sorgen vor den Saisonfinali im Welttennis für Zündstoff. Vor allem im Herren-Tennis tut sich vor dem Masters Cup vom 11. bis 18. November in Shanghai eine Kluft auf zwischen der ATP und den von der Spielerorganisation zu vertretenden Protagonisten des Weißen Sports auf.
"Ich habe nicht das Gefühl, dass ATP-Präsident Etienne de Villiers viel für uns Spieler tun will. Ich glaube nicht, dass die ATP noch die Interessen der Spieler vertritt", sagte etwa Nikolai Dawidenko.
Illegale Wetten von Dawidenko
Der Russe, gegen den im Zusammenhang mit illegalen Wetten seit gut einem Vierteljahr ermittelt wird, fühlt sich von dem seit Anfang 2006 an der Spitze der ATP-Tour stehenden Südafrikaner gemobbt. "Vielleicht will er an mir ein Exempel statuieren. Weil ich mich schon öfter mit ihm angelegt habe", erklärte der Weltranglisten-Vierte in einem Interview mit dem Magazin "Focus". Grund des Ärgers ist der noch immer nicht aufgeklärte mögliche Wettskandal beim Turnier in Sopot (POL).
Titelverteidiger Dawidenko hatte dort gegen den argentinischen Tennis-Nobody Martin Vassallo Arguello im dritten Satz wegen einer Verletzung aufgegeben. Weil Unbekannte während des Matches hohe Beträge auf den Außenseiter gesetzt hatten, geriet Dawidenko in den Verdacht der Manipulation. "Ich wäre sehr dumm, wenn ich mich auf solche Betrügereien einließe", beteuerte der 26-Jährige stets seine Unschuld. "Ich hatte einen Ermüdungsbruch im Zeh. Das ist schon einen Tag später von einer Kölner Klinik diagnostiziert worden. Das Untersuchungsergebnis liegt der ATP vor."
Von der ATP schlecht beraten
Die Anschuldigungen gegen Dawidenko erhielten neue Nahrung, als der US-Open-Halbfinalist in St. Petersburg eine 2.000-Dollar- Geldstrafe bekam, weil "der Schiedsrichter meinte, ich würde mich gegen den kroatischen Qualifikanten Marin Cilic nicht genug anstrengen". Ob der Ungerechtigkeit habe er "in der Kabine sogar geweint", bekannte der Russe, der froh war, dass "niemand hohe Beträge auf meine Niederlage gewettet hat".
Von der ATP fühlt sich Dawidenko schlecht beraten. "Die ATP hatte mir geraten, möglichst wenig zu sagen. Daran habe ich mich lange gehalten. Doch damit ist Schluss. Vielleicht kommt so Bewegung in die Sache." Inzwischen haben einige seiner Kollegen mehr oder minder nebulös von Kontakten zu möglichen Wettbetrügern erzählt. "Bis Sopot hat keiner über solche Erfahrungen berichtet", wundert sich Dawidenko. "Plötzlich scheinen viele genau Bescheid zu wissen."
Streit um Hamburg-Turnier
Auch im Prozess des Deutschen Tennis Bundes (DTB), der wegen der Streichung des Rothenbaum-Turniers als Masters-Veranstaltung vor Gericht gezogen ist, agiert die ATP selbstherrlich. Obwohl die US-Richter noch immer kein Urteil gefällt haben, hat De Villiers bereits Anfang September das Aus für den Rothenbaum verkündet. Im vorläufigen Plan für 2009 taucht das Hamburger Traditionsturnier nicht mehr auf.
Dabei haben sich viele Spieler - angeführt von Schweizer Branchenprimus Roger Federer - immer wieder für den Erhalt des Rothenbaum-Turniers stark gemacht. "Er will mehr Turniere nach Amerika verlagern, die meisten Aktiven aber wollen in Europa bleiben", sagte Dawidenko. Doch De Villiers verfolgt seine Ziele unbeeindruckt. Auch den Flop mit den von ihm eingeführten Gruppenspielen hat der frühere Disney-Manager offenbar schadlos überstanden.
Hingis-Affäre überraschend
Vom positiven Kokain-Befund bei Martina Hingis wurde die WTA-Tour vor der WM in Madrid (6. bis 11. November) überrascht. Obwohl sie schon im Juli in Wimbledon positiv getestet worden war, "gab es noch keine Meldung an die Spielerinnen-Organisation", sagte WTA-Präsident Larry Scott. Fürs Masters der besten acht Spielerinnen der Saison, bei dem Titelverteidigerin Justine Henin aus Belgien als Favoritin gilt, war die Schweizerin aber ohnehin nicht qualifiziert.
(apa/red)
