Samstag, 20. Oktober 2007

Weltbank will Fokus auf Landwirtschaft: Hilfsorganisationen verlangen Kurswechel

  • Neue Schwerpunkte bei Entwicklungshilfe gefordert
  • 75 Prozent der Armen leben in ländlichen Gebieten

Bei der internationalen Entwicklunghilfe sollte nach Ansicht der Weltbank künftig wieder ein größerer Schwerpunkt auf die Landwirtschaft gelegt werden. "Wir müssen der Landwirtschaft eine höhere Priorität geben", sagte Weltbank-Präsident Robert Zoellick zur Eröffnung der traditionellen Jahrestagung seiner Organisation in Washington. Dem Weltbank-Chef zufolge leben 75 Prozent der Armen in der Welt in ländlichen Gebieten. Hilfsorganisationen forderten die Weltbank zu einem Kurswechsel auf. Sie müsse auch die sozialen und ökologischen Funktionen von Landwirtschaft berücksichtigen, sagte ein Vertreter von Misereor.

Aus dem von Zoellick vorgelegten Weltentwicklungsbericht geht hervor, dass die Unterstützung für landwirtschaftliche Projekte in Entwicklungsländern durch die Weltbank von 1980 bis 2000 stetig zurückging. Danach ging es zwar wieder leicht bergauf, aber das reiche nicht aus, betonte Zoellick. Lediglich vier Prozent der Entwicklungshilfe von Staaten oder offiziellen Organisationen gingen in die Landwirtschaft. Die Weltbank wird nach eigenen Angaben in diesem Jahr Kredite in Höhe von insgesamt 3,1 Milliarden Dollar (rund 2,2 Millionen Euro) für die Entwicklung der Landwirtschaft zur Verfügung stellen. Zusätzlich müssten aber Industrieländer auf globaler Ebene verzerrende Subventionen abbauen und Märkte öffnen.

Weltentwicklungsbericht
Grundlegende Kritik am Weltentwicklungsbericht formulierte der "EcoFair Trade Dialogue", eine gemeinsame Initiative des Hilfswerks Misereor, der Heinrich-Böll-Stiftung und des Wuppertal Instituts zur Reform des Weltagrarhandels. Trotz guter Analysen würden nicht die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, hieß es in einem Analysepapier, das anlässlich der Herbsttagung von IWF und Weltbank präsentiert wurde.

So sei es zwar begrüßenswert, dass sich der Weltentwicklungsbericht erstmals seit 1982 wieder dem Thema Landwirtschaft widme. "Die Landwirtschaft wird jedoch ausschließlich durch die ökonomische Brille betrachtet; ihre vielfältigen sozialen und ökologischen Funktionen werden nicht angemessen bewertet", erklärte Bernd Bornhorst, Leiter der Abteilung Entwicklungspolitik bei Misereor. Deshalb gelinge es dem Bericht auch nicht, tragbare Visionen für die globale Landwirtschaft der Zukunft zu entwickeln.

Künftige Nahrungsproduktion?
Für Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, lautet die Kernfrage, wie zukünftig genug Nahrung für alle produziert werden kann, und wie den Produzenten besonders in den armen Ländern des Südens ein sicheres und angemessenes Einkommen garantiert werden kann: Diese Herausforderung stelle sich um so dringlicher, weil gerade die Landwirtschaft massiv vom Klimawandel betroffen sein werde, Wasser knapper und Öl teurer würden. Hier liefere der Weltbankbericht nicht die richtigen Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels.

Kurswechsel
Die Geberländer sollten die Ergebnisse des Berichts daher bei der Ausrichtung ihrer Entwicklungszusammenarbeit berücksichtigen, sagte Marita Wiggerthale von Oxfam Deutschland. "Die Weltbank muss einen Kurswechsel vornehmen." Die bisherige, einseitige Export- und Wachstumsorientierung der Weltbank sowie die forcierte Liberalisierung des Agrarsektors hätten in der Vergangenheit die Armut im ländlichen Raum sogar verschärft, erklärte Wiggerthale. Die alten Politikrezepte müssten auf den Prüfstand gestellt werden.

(apa/red)

20.10.2007 11:08