Günter Grass ist 80: Jahrhunderterzähler erlangte mit "Die Blechtrommel" Weltruhm
- Runder Geburtstag mit Kopfstand und Minister-Besuch
- Grass als politischer Akteur & Helfer von Willy Brandt

·Die Lebensstationen des Günter Grass
Von der Waffen-SS zum Literaturnobelpreis
·Das Werk des Günter Grass: Eine Auswahl
"Die Blechtrommel", "Der Butt" und viele mehr
·"Er ist Deutschlands bedeutendster Autor!"
Reich-Ranicki über den Literaturnobelpreisträger
·"Sommer 2006 war Vernichtungsversuch"
Günter Grass im Inter-
view über neues Buch
·Günther Grass kocht oft für tote Kollegen
Schriftsteller stellt sich dann Tischgespräche vor
·Von Hermann Hesse
bis Doris Lessing
Die Literatur-Nobelpreis- träger seit dem 2. WK
Ein Jahrhundertmann, der nach Ansicht der Stockholmer Nobelpreis-Akademie "der Menschheit einen Dienst erwiesen" hat, ist 80. Seinen ersten Auftritt in der bundesdeutschen Autorenvereinigung "Gruppe 47" und damit in der literarischen Öffentlichkeit beschrieb eine Zeitungsmeldung 1955 mit den Worten: "Einen neuen, als "kräftig, vital und bravourös" apostrophierten Ton brachten die Gedichte des Berliner Bildhauers Günter Grass." Ein halbes Jahrhundert später wird ein zwischenzeitlich tief verletzter Literaturnobelpreisträger, der letzte des 20. Jahrhunderts, zu seinem runden Geburtstag viel geehrt.
Der 80. Geburtstag wurde am 16. Oktober im privaten Rahmen gefeiert. Überraschend sei Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu Besuch gekommen und habe gratuliert, teilte Grass' Sekretariat mit. Größere Feiern in der Öffentlichkeit sind in den nächsten Tagen in Hamburg (18.10.), Göttingen (20.10.) und als Höhepunkt am 27. Oktober in Lübeck mit einer Rede des Bundespräsidenten geplant. Am selben Tag will Grass mit seiner Großfamilie feiern und - wie er es bei runden Geburtstagen früher gemacht hat - einen Kopfstand wagen.
Die in Berlin erscheinende "tageszeitung" (taz) "verzierte" Grass zu Ehren am Dienstag viele Persönlichkeiten auf Fotos mit Schnurrbärten, darunter den russischen Präsidenten Wladimir Putin und Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) - sogar Eisbär Knut wurde "verziert". "In ganz Deutschland wird ein gewaltiger Schnurrbart wachsen", prophezeite eine Tageszeitung ("Die Welt").
Langes Warten auf Nobelpreis
Auf den Nobelpreis als höchste Weihe in der Welt der Literatur hatte Grass lange warten müssen. 1972 war ihm Heinrich Böll vorgezogen worden. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis vor allem, aber nicht nur, für sein Historienepos "Die Blechtrommel", den grotesk-deftigen "Schelmenroman" über die jüngere deutsche Vergangenheit mit dem in einer Nervenklinik Lebensrückblick haltenden, zwergwüchsigen Oskar Matzerath, einem modernen Peer Gynt oder "Säulenheiligen".
Über "Die Blechtrommel"
Ein "Wilhelm Meister auf Blech getrommelt", wie es Hans Magnus Enzensberger formulierte. "Eine anständige Sauerei war der Roman außerdem", erinnert sich Grass-Biograf Michael Jürgs an seine Jugendlektüre. Vor allem aber: Der Roman werde "zu den bleibenden literarischen Werken des 20. Jahrhunderts gehören", befand das Nobelkomitee. Als die Stockholmer Akademie ihren Preis 1972 an Böll vergab, meinte der erstaunt: "Warum ich und nicht Grass?" Aber "das Erbe Heinrich Bölls ist in guten Händen", meinte der Grass-Weggefährte Walter Jens, nicht zuletzt wegen ihres gemeinsamen Lebensinhalts "Glaube Liebe Hoffnung".
Keine "moralische Instanz"
Doch "warum soviel Hass auf Grass", fragte der Kritiker Fritz. J. Raddatz. "Spannender als alle seine Dramen ist das Drama, das der Schriftsteller Günter Grass selber vorführt", der "vielleicht demokratisch segensreichste Intellektuelle", der nach dem Zweiten Weltkrieg die politische Bühne betreten habe, befand schon vor 30 Jahren der Kritiker Joachim Kaiser. Auch als Trommler im politischen Alltag der Bundesrepublik hat sich Grass immer verstanden, auch wenn der katholisch getaufte Autor, der weder an Gott noch Götter glaubt, nie den Anspruch einer "moralischen Instanz" erhoben hat, die ihm manche zuschrieben.
Engagement für Willy Brandt
Schon in den frühen 60er Jahren engagierte sich Grass für Willy Brandt und die "Es Pe De", zu der er später ein ambivalentes Verhältnis entwickelte nach dem Motto "Nur wer liebt, darf kritisieren", und sogar sein Mitgliedsbuch aus Protest gegen die Verschärfung des Asylrechts wieder zurückgab. Wie weit dieses politische Engagement, für das er von seinen Gegnern auch mal als "Pinscher" beschimpft wurde, seine spätexpressionistische Schreibkunst, die zum Artistischen und zur Verspieltheit neigt, beeinflusst hat, ist unter Literaturexperten umstritten.
Grass über Bertolt Brecht
Seine Vorbilder sind Grimmelshausen, Cervantes, Jean Paul, Alfred Döblin und Albert Camus, von dem er das "Nie aufgeben!" als Weltsicht bis heute übernahm ("Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen"). Die "Lektion des armen B.B." (Bertolt Brecht) hatte Grass gelernt: Dass man auch als "Großschriftsteller" nicht einfach nur seiner Arbeit nachgehen kann, wenn draußen auf der Straße das Volk ganz andere Sorgen umtreiben. "Innerhalb der hiesigen intellektuellen Schickeria ist politisches Engagement anrüchig geworden, das kriege ich jetzt zu spüren", meinte Grass schon 1986. Und er hat nicht die demütigende Szene vergessen, als in Anwesenheit von Peter Stein unwidersprochen "Grass raus!"-Rufe ertönten, als er 1971 auf der Hochzeit der 68er Studentenrevolte in der Berliner Schaubühne eine "Peer Gynt"-Aufführung besuchte.
2006: Der "Vernichtungsversuch"
Als unpolitischer Autor hat sich Grass nie verstanden. Umso härter musste ihn das "Stahlgewitter" im August 2006 treffen - dieser "Vernichtungsversuch", wie Grass überempfindlich die heftige öffentliche Reaktion auf sein ebenso überraschendes wie spätes Eingeständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS als 17-Jähriger zum Ende des Krieges in seinem autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel" nennt. Der junge Grass hatte bis zuletzt an Hitlers "Endsieg" geglaubt. (APA/red)
