Bilanz-Leiter Schatzer im BAWAG-Prozess:
Belastende Erinnerungen an "Paris-Treffen"
- Flöttl sprach 1999 über Risikoklassen bei Uni-Bonds
- Nakowitz und Flöttl können sich an gar nichts erinnern
Im BAWAG-Prozess hat sich am 36. Verhandlungstag alles um ein Treffen von drei BAWAG-Mitarbeitern mit Investmentbanker Wolfgang Flöttl in Paris gedreht. An dem eintägigen Treffen mit Flöttl am 11. November 1999 nahmen nach Angaben des Zeugen Robert Schatzer, früher Leiter der BAWAG-Bilanzabteilung, neben ihm auch der damalige BAWAG-Vorstand Johann Zwettler und Peter Nakowitz von BAWAG-Seite teil.
BAWAG-Prozess: Vier Erinnerungen zu Paris-Treffen mit Flöttl - TM
Zu dem damaligen Treffen wurden heute von den vier Teilnehmern vier Darstellungen präsentiert, von denen die von Zwettler und Schatzer in wesentlichen Punkten übereinstimmten. Flöttl und Nakowitz konnten sich hingegen überhaupt nicht mehr an das Treffen erinnern, laut Nakowitzs Reisekostenabrechnung war er an dem Tag in Paris.
Schöffinnen-Asschluss
Nach dem gestrigen Ausschluss der Schöffin Petra Z. wegen des Verdachts auf Befangenheit - sie hatte zugegeben mit einem Journalisten über den Prozess gesprochen zu haben - wird das Verfahren nun mit der zweiten Schöffin, der nachgerückten Ersatzschöffin, weitergeführt. Der Senat wird damit - wie zuvor - von vier Frauen, zwei Berufsrichterinnen und zwei Laienrichterinnen, gebildet. Auf der Ersatzschöffen-Bank nahm neben dem einzigen verbliebenen Ersatzschöffen auch erstmals der neue Sachverständige Fritz Kleiner Platz.
"Paris-Erinnerungen"
Zeuge Schatzer hat noch konkrete Erinnerungen an Paris: Damals habe Flöttl die Struktur der geplanten Neuinvestments in den "Uni-Bonds" in verschiedenen Risikoklassen dargestellt und den Londoner Investmentexperten Kaveh Alamouti für die Veranlagung der BAWAG-Gelder angepriesen. Ohne Alamouti hätte die BAWAG die Gelder sicher nicht investiert, beteuerte Schatzer. Flöttl habe damals versichert, das Risiko durch die Uni-Bonds sei "überschaubar und gering".Die "Uni-Bonds" wurden aber nicht von Alamouti sondern von Flöttl gemanagt, die BAWAG verlor damit rund 400 Mio. Euro im Jahr 2000, weil Flöttl wieder alles auf eine Karte setzte.
Während Schatzers stundenlanger Zeugenbefragung mussten fünf der neun Angeklagten, nämlich Helmut Elsner, Zwettler, Flöttl, Nakowitz und Wirtschaftsprüfer Robert Reiter den Saal verlassen. Am Nachmittag wurden sie wieder eingelassen und zu dem Treffen in Paris befragt.
Flöttl dementiert
Flöttl beteuerte, er könne sich überhaupt nicht an dieses Treffen in Paris erinnern. Hätte dies aber stattgefunden, dann hätte er nicht über Risikoklassen gesprochen, so der Investmentbanker unter Verweis auf die später abgeschlossenen Verträge über die Uni-Bonds. In diesen Verträgen mit der BAWAG sei nämlich nichts von Risikoklassen enthalten. Der damalige BAWAG-Generalsekretär Nakowitz hat ebenfalls "null Erinnerung" an das Treffen. Aus seiner Reisekostenabrechnung, ein Teil des Gerichtsakts, geht jedoch eine Reise nach Paris am 11. November 1999 hervor.
Zwettler hingegen konnte sich an das Treffen mit Flöttl in einer Pariser Anwaltskanzlei detailliert erinnern. Flöttl habe über sieben verschiedene Investment-Strategien gesprochen, für jeden der sieben Uni-Bonds eine. Durch verschiedene Risiko-Läufe sollte eine vernünftige Rendite und Risikominimierung geschehen. Warum er bei allen bisherigen Vernehmungen nie von dem Treffen mit Flöttl in Paris gesprochen hatte, wollte Staatsanwalt Georg Krakow wissen. "Ich bin nie danach gefragt worden", entgegnete der Angeklagte. "Warum ist Elsner nicht selber nach Paris geflogen?", fragte Richterin Claudia Bandion-Ortner. "Weil anzunehmen war, dass das ein stressiger Tag wird, hin und herfliegen ist mühsam", antwortete Zwettler.
Elsner kann sich nicht erinnern
Ex-BAWAG-Chef Helmut Elsner kann sich an das Treffen in Paris nicht erinnern, wollte es aber auch nicht ausschließen. "Es war nicht meine Aufgabe, die Sache umzusetzen", sagte er. Auch Wirtschaftsprüfer Robert Reiter weiß nichts von dem Pariser Treffen über die Uni-Bonds.
Robert Schatzer gehörte als früherer Leiter der BAWAG-Bilanzabteilung der so genannten "Bilanzrunde" der Bank an, wo die verlustreichen Sondergeschäfte mit Flöttl unter höchster Geheimhaltung behandelt wurden. Dabei sei das Abarbeiten der Verluste aus den Flöttl-Geschäften im Vordergrund gestanden, "nicht das Verschleiern", betonte Schatzer: "Wir wollten diese Bank retten, wir haben alle das Menschenmögliche beigetragen".
Er habe von Problemen bei den Flöttl-Geschäften erstmals gegen Jahresende 1998 erfahren, sagte Schatzer. Zwettler habe ihn informiert, dass ein Kreditengagement notleidend geworden sei. Wegen angeblicher hoher Sicherheiten wurde der Kredit auf Zwettlers Anweisung nicht in der Bilanz wertberichtigt, so Schatzer, der keine Aufstellung über die Sicherheiten verlangte.
Laut Schatzer hätten die damaligen Bank-Vorstände Hubert Kreuch und Josef Schwarzecker bei informellen Gesprächen die Flöttl-Verluste mit "nicht ganz aktenreifen Nebenbemerkungen" quittiert, konkret mit dem Ausdruck "so ein Scheiß", erinnerte sich der Zeuge an die Unmutsäußerungen. "Bilanzmanipulationen" im Jahr 1999 schloss Schatzer aus. Er könne sich aber erinnern, dass man bei der Erstellung der Bilanz "Spielräume" ausgenutzt habe. Auf die Frage nach dem Betriebsklima in der BAWAG bezeichnete Schatzer Elsner als "ein Bild von einem Choleriker". Trotzdem sei es in der Bank früher "wie in einer großen Familie" gewesen. Heute unter dem neuen Eigentümer - die ehemalige Gewerkschaftsbank wurde vom US-Fonds Cerberus übernommen - könne man das nicht mehr sagen.
(apa/red)
