Club der Wunder-Dichter
- MENASSE KÖHLMEIER GLAVINIC
- Die Frankfurter Buchmesse im Zeichen des österreichischen Literaturwunders.

,In Österreich wird man verhöhnt, weil man Erfolg hat (Robert Menasse)
Mit dem Begriff Wunder wird fraglos inflationärer Umgang getrieben. In diesem Fall aber hat er viel für sich: Seit Wochen werden die Bestsellerlisten von österreichischen Autoren dominiert. Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, der im Rahmen der Frankfurter Buchmesse (10. bis 14. Oktober) vergeben wird, fanden sich sechs Österreicher, Michael Köhlmeier und Thomas Glavinic brachten es gar in die Endauswahl. Robert Menasse nimmt dafür mit dem Roman Don Juan de la Mancha seit Wochen den Spitzenplatz der österreichischen Bestsellerliste ein. Schon schreibt die Neue Zürcher Zeitung vom Jahrhundertherbst österreichischer Literatur. Wir baten Menasse und Glavinic zur Diskussion über das Phänomen. Der viel beschäftigte Köhlmeier schaltete sich von außen zu.
NEWS: Ist dieses Literaturwunder womöglich eine Reaktion auf die anti-intellektuelle Atmosphäre in diesem Land?
Menasse: Wenn die Literatur österreichischer Autoren viele Leser hat, kann man doch nicht von geistfeindlicher Atmosphäre sprechen. Es ist auch kein neues Phänomen. Man hat schon in den Siebzigerjahren von der Verösterreicherung der deutschen Literatur gesprochen. Die Republik hatte immer in Relation zur Größe des Landes überproportional viele Autoren, eine vielfältige Literatur. Sie findet jetzt allerdings mehr Leser, weil wieder lustvoll erzählt wird. Nur aus der Nacht hinter den Wäldern wird ein bisschen hervorgemault, dass nicht gut sein kann, was Erfolg hat. Aber dieser Erfolg beweist etwas, das zweifellos gut ist: ein großes, ein wachsendes Interesse an Literatur.
Glavinic: Das ist, salopp gesagt, auch ein biologisches Phänomen. Eine Generation verschwindet nach und nach, und eine andere wird sichtbarer. Für die jetzt Dreißig- bis Vierzigjährigen ist die Frage nach dem Erzählen gar kein Thema mehr. Man sollte die betroffenen Autoren fragen, wie sie literarisch sozialisiert wurden. Natürlich habe ich Handke gelesen. Thomas Bernhard ist eher an mir abgeprallt. Mich prägten die Russen, Amerikaner und Lateinamerikaner.
Köhlmeier: Was hat das mit Österreich zu tun? Es ist der Erfolg der Autoren. Österreichische Charakteristika haben sich weitgehend ausgewaschen. Es sind Autoren, die zufällig einen österreichischen Pass haben.
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