Russland setzt "Kalten Krieg" weiter fort:
US-Verbündeter Georgien Ziel der Schikanen
- Spionageaffäre vor genau einem Jahr der Auslöser
- Streitfrage um Status von Abchasien und Südossetien
Der Weg vom Flughafen in die georgische Hauptstadt Tiflis führt über die George-W.-Bush-Avenue. Der Taxifahrer deutet auf ein Bild des US-Präsidenten an einer Brücke. "Bush und die Amerikaner sind unsere Freunde", sagt er. Ein mächtiger Verbündeter, passend zum mächtigen Kontrahenten, den Georgien nun seit genau einem Jahr hat.
Bush schätzt den kleinen Kaukasus-Staat als treuen Verbündeten und Georgien ist stolz darauf, doch die Vereinigten Staaten sind weit, und das drängendste Problem der ehemaligen Sowjetrepublik liegt direkt vor der Haustür: Es ist das zerrüttete Verhältnis zu Russland.
Seit Georgien vor einem Jahr mehrere russische Offiziere unter dem Vorwurf der Spionage auswies, lässt der mächtige Nachbar die Muskeln spielen. Georgische Einwanderer in Russland wurden schikaniert, georgische Waren mit einem Importverbot belegt. Seit dem 3. Oktober 2006 hält Moskau die Grenze für Reisende von und nach Georgien geschlossen. Anfang August vergiftete der Streit um eine Rakete, die ein Militärflugzeug über Georgien verlor oder fallen ließ, die Atmosphäre weiter. Georgien beschuldigte Russland, Moskau bestritt eine Verwicklung.
Russische Unterstützung für Abtrünnige
Größter Zankapfel ist der Status der abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien. In Abchasien tobte Anfang der 1990er Jahre ein Bürgerkrieg, etwa 300.000 Georgier wurden von der ehemaligen Côte d'Azur der Sowjetunion am Schwarzen Meer vertrieben. Die von Russland unterstützten Abchasen erklärten sich einseitig für unabhängig. Auch Moskau erkennt die Teilrepublik völkerrechtlich nicht an, gibt jedoch russische Pässe an die Einwohner aus. GUS- Friedenstruppen unter russischer Regie sichern den Status Quo.
Blauhelme der Vereinten Nationen sind als Beobachter im Grenzgebiet stationiert, dennoch kommt es dort immer wieder zu Zwischenfällen. Auch in Südossetien stehen russische Truppen. Die Bergregion strebt eine Vereinigung mit dem russischen Nordossetien an.
"Die Annexion der beiden Gebiete ist der Hauptgrund für die Spannungen mit Russland", sagt auch Eduard Schewardnadse. Der letzte Außenminister der Sowjetunion war bis 2003 georgischer Präsident und wurde von den "Rosenrevolutionären" um den jetzigen Präsidenten Michail Saakaschwili aus dem Amt gedrängt. Seinen Nachfolgern empfiehlt Schewardnadse statt martialischer Töne den Dialog mit Moskau.
Anbindung an Westen forciert
Um sich dem Griff des großen Nachbarn im Norden zu entwinden, setzte Georgien schon unter Schewardnadse auf eine Anbindung an den Westen. Die jetzige Regierung hat diesen Kurs verstärkt. Die Mitgliedschaft in NATO und EU sind erklärte Ziele. Um sich für die Aufnahme ins atlantische Militärbündnis zu empfehlen, hat Georgien 2000 Soldaten an der Seite der Amerikaner im Irak stationiert. Doch es ist fraglich, ob etwa die NATO ein Land mit zwei ungelösten Territorial-Konflikten aufnimmt, das zudem im offenen Streit mit Russland liegt.
Das russische Handelsembargo indessen trifft vor allem Georgiens Weinbauern, Mineralwasserabfüller und Fruchtexporteure, für die Russland bis 2006 das wichtigste Exportland war. Wirtschaftsminister Georgi Arweladse sieht die Lage als Herausforderung: "Kurzfristig hat uns das Embargo getroffen, aber langfristig hilft es uns, neue Handelspartner zu finden."
Georgiens Wirtschaft boomt
Das ist zwar bisher nur bedingt gelungen, dennoch hat die Wirtschaft des 4,5-Millionen-Einwohner Landes kaum an Schwung verloren. Bis zur Rosenrevolution im November 2003 prägten Korruption und Mangelwirtschaft den Alltag, seitdem wächst die Wirtschaft um durchschnittlich neun Prozent im Jahr.
Derzeit bauen gleich vier internationale Hotelkonzerne in Tiflis Luxusherbergen, der Bankensektor boomt, Investoren aus den USA, Kasachstan oder der Türkei kommen ins Land. "Bis zu 15 Prozent Wachstum" erwartet der Wirtschaftsminister für das laufende Jahr. "Wir sind bereit, ohne Russland zu leben", verkündete Präsident Saakaschwili zu Jahresbeginn. Das scheint zu gelingen. Dennoch halten politische Beobachter eine Aussöhnung mit Russland für unumgänglich. In der vergangenen Woche wurde wieder einmal ein Anfang gewagt: Die Außenminister beider Länder trafen sich in New York am Rande der UN- Vollversammlung. Sie einigten sich immerhin darauf, dass beide Seiten an einer Verbesserung der Beziehungen interessiert seien. (APA/red)

