Freitag, 28. September 2007

Benzin wird bei uns ein klein wenig "Bio": Sprit wird 4,4% Bio-Ethanol beigemengt

  • Allerdings ist tatsächlicher Umweltnutzen umstritten
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Benzin bekommt jetzt einen grünen Anstrich. Dem Treibstoff wird flächendeckend rund 4,4 Prozent des "Acker-Sprits" Bioethanol zugesetzt. Bei Diesel wird bereits seit 2005 ein vergleichbarer Rapsanteil beigemengt. Beide Maßnahmen sollen laut Umwelt- und Landwirtschaftsminister Josef Pröll (V) den CO2-Ausstoß vermindern und die Auslandsabhängigkeit bei Treibstoffen reduzieren, was inzwischen massiv angezweifelt wird.

Damit der "Bio-Treibstoff" nicht mehr kostet als fossiler Benzin, ist der Pflanzenanteil von der Mineralölsteuer befreit. Die Autofahrerklubs warnen jedoch bereits vor einem Benzinpreis-Anstieg durch Bioethanol und verweisen auf das Beispiel Diesel, wo der Preis von einem Rekord zum anderen jagt. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) bedarf der Biospriteinsatz "massiver Subventionen".

Die günstigsten Tankstellen bevorzugen
"Wir appellieren an die Autofahrer, noch genauer als sonst beim Tanken drauf zu achten, dass sie bei der günstigsten Tankstelle kaufen. Wird das konsequent gemacht, belebt das den Wettbewerb zwischen den Mineralölfirmen", so ARBÖ-Generalsekretär Peter Stuppacher zur APA. Denn längerfristig würden die Ölfirmen "sicher versuchen, ihre Mehrkosten für das neue Biogemisch auf die Autofahrer überzuwälzen, wie dies bei der Einführung von Biodiesel vor zwei Jahren passiert ist". Und er betont: "Eines steht fest: Bio-Benzin wird nicht billiger und der Rohstoff dafür kommt nicht aus heimischer Erde, zunächst jedenfalls nicht. Die entsprechenden Ankündigungen und Versprechungen sind geplatzt wie Seifenblasen."

Die Skepsis steigt
Ob der neue Treibstoff der Umwelt und der Handelsbilanz etwas bringt, darüber herrscht inzwischen erhebliche Skepsis. Nach anfänglicher Euphorie ist ein ziemlicher Katzenjammer eingekehrt und mittlerweile warnen zahlreiche renommierte internationale Umweltagenturen und auch die OECD vor den Gefahren für die Umwelt und den Kosten für die Steuerzahler. Selbst Greenpeace fordert nun ein Umdenken. Kritik kommt auch am "Turboboost" für die Gentechnik durch die Energiepflanzen.

Kritikpunkte
Zwar ist die Verbrennung von Biotreibstoffen (Biodiesel und Ethanol) CO2-neutral, aber die Bestellung der Äcker, die Düngung, der Einsatz von Spritzmitteln und der Transport ist es keineswegs. Besonders bedenklich ist, dass für den Anbau von Biotreibstoffen Regenwälder für Monokulturen gerodet werden, obwohl die Wälder erhebliche CO2-Reserven darstellen. In Europa hat die EU kürzlich die landwirtschaftlichen Brachflächen freigegeben, was laut Greenpeace zur Zerstörung von ökologisch wichtigen Lebensräumen führe. Außerdem verweist Greenpeace auf eine höhere Ozonbelastung durch den Biospriteinsatz.

Sogar Menschenrechtsgruppen protestieren
Menschenrechtsgruppen kritisieren, dass der Boom beim Biotreibstoff zur Vertreibung von Ureinwohnern führe und die Preise für Nahrungsmittel insbesondere in der 2. und 3. Welt in die Höhe treibe. Tierschützer berichten wiederum von einem Artensterben aufgrund der Zerstörung der natürlichen Lebensräume. So seien in Äthiopien bereits die letzten Elefanten gefährdet.

Die Befürworter
Zu den Befürwortern des Biotreibstoff-Einsatzes zählt die europäische Landwirtschaft, die sich ein zusätzliches Standbein erhofft. Innerhalb der EU ist Österreich dabei ein Vorreiter. Während Landwirtschaftsminister Pröll bereits 2010 einen Biospritanteil von 10 Prozent haben will, sieht die EU diesen Wert erst für 2020 vor. Für Greenpeace ein Zeichen dafür, dass Pröll hier "mehr Landwirtschafts- als Umweltminister ist".

Biosprit aus dem Ausland
Allerdings kommt nur ein sehr kleiner Teil der Biotreibstoffe aus Österreich und der EU. Laut OECD müsste ein Drittel der europäischen landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Energiepflanzen bebaut werden, um zehn Prozent des gegenwärtigen Treibstoffverbrauches mit Biodiesel zu decken. Laut Landwirtschaftskammer werden derzeit aber gerade einmal 1,5 Prozent der Agrarflächen für die "Acker-Energie" verwendet. Hauptexporteure sind die Länder Südostasiens und Südamerikas, wobei der Boom inzwischen auch afrikanische Länder wie Äthiopien, Angola und Kongo sowie ehemalige Sowjetrepubliken wie Kasachstan erfasst hat.

1 Hektar für 20.000 Kilometer
Ein durchschnittlicher Pkw fährt mit Bioethanol aus 1 Hektar (10.000 m2) Getreide laut Österreichischer Energieagentur rund 20.000 Kilometer weit, bei einem Hektar Zuckerrübe ist es etwa das Dreifache. Insgesamt werden in Österreich täglich 228 Millionen Kilometer mit dem Auto zurückgelegt.

Kleiner Rückschlag
Der großflächige Einstieg in die Biospritproduktion ist in Österreich jedenfalls mit einem Rückschlag gestartet. Der Zuckerkonzern Agrana hat den Vollbetrieb des Bioethanolwerks in Pischelsdorf (NÖ) von 1. Oktober auf das Frühjahr 2008 verschoben. Als Grund wurden die hohen Getreidepreise angegeben. Bis zum Frühjahr kommt daher der Großteil des benötigen Bioethanols aus einem Agrana-Werk in Ungarn. (APA/red)

28.9.2007 10:14