Freitag, 28. September 2007

Die Visite: FORMAT über die umstrittene US-
Reise von Gesundheitsministerin Kdolsky

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Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ist keine, die klein beigibt. Sie vertritt lautstark, woran sie glaubt. Als Quereinsteigerin sagt sie (wie viele, die sich nicht in Parteiapparaten jahrzehntelang hochgedient haben) auch noch, was sie denkt. Und muss dafür und für höchst unkonventionelle Auftritte oft schmerzhafte Kritik einstecken. Zuletzt in der vergangenen Woche, als sie in den USA weilte. Das ist zu weit weg, um sich sofort gegen Anfeindungen aus der eigenen Partei zu wehren.

Kdolsky besuchte in Harvard, Boston und Washington, D. C. amerikanische Gesundheitsexperten und-politiker. Gleichzeitig sprach ihr zuhause ihr ÖVP-Parteikollege Karl-Heinz Kopf ihre Ernsthaftigkeit ab. Sie hatte in einem Interview die Übernahme der Kosten für die gesamte Zahnversorgung nach deutschem Vorbild als "sinnvoll" bezeichnet. Auf Kopf reagieren? "Nicht jetzt", sagt Kdolsky zu FORMAT. "Dafür ist noch genug Zeit."

Also geht's weiter um das Inhaltliche. Darum, dass die USA mit 15,3 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) jährlich deutlich mehr Geld in das Gesundheitssystem pumpen als Österreich mit 10,2 Prozent. Es wird nur nicht effizienter verteilt. Ganz im Gegenteil: Die Ungleichheiten sind eklatant, die Strukturkrise seit Jahrzehnten evident.

"Wir sind in Österreich sehr viel weiter als die Amerikaner", resümiert Kdolsky denn auch auf dem Rückflug. "Das flächendeckende Versicherungssystem mit dem gleichen Zugang für alle ist etwas unschätzbar Wertvolles. In den USA gibt es ein großes Ungleichgewicht zwischen den Institutionen. Es gibt Top-Institutionen, und es gibt viele weiße Flecken."

Die amerikanische Krankenversicherung ist völlig anders strukturiert als die österreichische. Meist sind es die Unternehmen, die ihre Angestellten und Arbeiter versichern. Wessen Firma das nicht macht, der muss sich privat versichern. Oder tut es eben nicht, wie 47 Millionen Menschen oder 15 Prozent der Bevölkerung. 20 Millionen Amerikaner sind zudem unterversichert, weil sie sich die Prämien nicht leisten können. Es sind dies nicht die ganz Armen und die alten Menschen, denn diese erhalten ihre Versorgung durch die staatlichen Programme Medicaid und Medicare. Meist können sich aber Arbeitnehmer der unteren Mittelklasse keine oder nur eine minimale Versicherung leisten, denn ein Durchschnitts-haushalt zahlt dafür umgerechnet jährlich 11.000 Euro.

Können wir also gar nichts lernen von den USA? Sehr wohl, ist Gesundheitsministerin Kdolsky überzeugt. Denn namhafte Gesundheitsökonomen zerbrechen sich die Köpfe, mit welchen Steuerungsmechanismen man die Kosten der immer älter werdenden Bevölkerung und der immer besseren, aber teureren Medizin in den Griff bekommen kann.

Einer davon ist Harvard-Professor Michael Porter. Schwungvoll erklärt er, worum es geht: "Eine umfassende Versicherung ist nicht genug. Es ist nur der Anfang. Die Kernfrage ist: Welchen Wert haben die Behandlungen, die wir anwenden, für eine nachhaltige Gesundung des Patienten?" Um das künftig in den Mittelpunkt aller Aufwendungen zu stellen, brauche es völlig neue Denkansätze und eine fundamentale Restrukturierung des Systems. Ein Ansinnen, das in den USA die 20 großen Versicherungen bisher erfolgreich verhindert haben.

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28.9.2007 15:04