12.9.2007 17:19

Unser Teamchef wird nicht zurücktreten:
Josef Hickersberger dementiert Gerüchte

  • "Bin schon durch stürmischere Gewässer gesegelt"
  • Hickersberger stellt einigen Akteuren Rute ins Fenster

Österreichs Fußball-Teamchef Josef Hickersberger hat am Tag nach der 0:2-Schlappe in Wien gegen Chile alle Rückzugs-Gerüchte vom Tisch gewischt. "Durch das ORF-Interview nach dem Spiel ist leider der Eindruck entstanden, ich wäre bereit, zurückzutreten. Dem ist nicht so", betonte der Niederösterreicher.

"Hicke" ließ trotz der schlechten Leistungen in den jüngsten beiden Testspielen im Rahmen des "Turniers der Kontinente" keinen Zweifel daran, die ÖFB-Auswahl zur Heim-Europameisterschaft 2008 führen zu wollen. "Ich bin schon durch stürmischere Gewässer gesegelt und weiß, wo es langgeht. Für mich ist dieses Thema kein Thema", sagte der 59-Jährige und wies im Hinblick auf die "Hicke raus"-Sprechchöre darauf hin, dass ihm bereits in seiner Anfangszeit als Rapid-Trainer große Skepsis entgegen gebracht worden war.

Für das Verhalten der Zuschauer zeigte Hickersberger ("Solche Spiele gehen auf meinen Gesundheitszustand, aber ich überprüfe ständig meinen Blutdruck") Verständnis. "Die Unterstützung des Publikums war wirklich gut. Dass es nach 70, 80 Minuten, wenn sich die Niederlage abzeichnet, zu Pfiffen und 'Hicke raus'-Rufen kommt, ist normal."

Nur der Anfang war akzeptabel
Dabei seien die ersten Minuten gegen die Südamerikaner vielversprechend verlaufen. "Da wollte die Mannschaft das umsetzen, was wir uns vorgenommen hatten, nämlich aggressiv in die Zweikämpfe zu gehen, den Gegner in der Defensive zu beschäftigen und mehr Initiative in Ballbesitz zu zeigen. Nach der ersten Chance für die Chilenen ist aber wieder Verunsicherung eingetreten."

Endgültig auf die Verliererstraße geriet Österreich laut Hickersberger jedoch aufgrund der in der zweiten Hälfte vorgenommenen Wechsel. "Mit dem Wechsel Mörz für Prager ist die Organisation im Mittelfeld schlechter geworden." So sei etwa das zentrale defensive Mittelfeld beim ersten Gegentor nicht rechtzeitig auf den notwendigen Positionen gewesen. "Nach den Wechseln haben wir uns in Ballbesitz weniger gut bewegt", analysierte der Teamchef.

Dass das Ergebnis gegen Chile im Gegensatz zum Duell mit den Asiaten negativ ausfiel, lag laut "Hicke" auch an den zahlreichen Austäuschen. "Gegen Japan habe ich nicht in diesem Ausmaß gewechselt und die Organisation verändert."

Hickersberger verweist auf verletzte Spieler
Trotz aller Erklärungsversuche stellte der Teamchef auch klar: "Natürlich ist jetzt die Enttäuschung groß, das ist ganz normal zu diesem Zeitpunkt der EM-Vorbereitung. Man muss aber auch die aktuelle Konstellation in Betracht ziehen. Uns sind mit Ivanschitz, Stranzl, Katzer und Harnik vier Spieler mit Champions-League-Erfahrung ausgefallen. Es ist uns nicht gelungen, diese Spieler gut zu ersetzen", sagte Hickersberger, ergänzte aber auch: "Das hat nichts mit der Qualität der Nachnominierten zu tun."

Der Coach wies auch darauf hin, dass er im Vergleich zum 1:1 gegen Tschechien fast die komplette Abwehr ersetzen musste. "Wenn die Viererkette durch Verletzungen an drei Positionen verändert wird und nur ein junger Spieler (Anm.: Sebastian Prödl) mit wenig internationaler Erfahrung übrig bleibt, bringt das naturgemäß Verunsicherung mit sich. Dadurch haben wir die Defensive verstärkt, darunter hat dann aber die Offensive gelitten, auch wenn es im Spiel nach vorne gegen Chile etwas besser war, aber nicht in dem Ausmaß wie erwünscht."

Die ÖFB-Auswahl hatte laut Teamchef neuerlich mit den altbekannten Problemen wie vor allem mangelnde internationale Erfahrung zu kämpfen. "Wir sind es nicht gewohnt, 90 Minuten hohes Tempo zu gehen, wie es etwa in England an der Tagesordnung steht." Wie schon gegen Japan musste der Teamchef feststellen, dass einige Kicker vor dem Spielgerät förmlich Angst haben. "Wir haben Stress, wenn wir den Ball haben, für die Chilenen war es ein Spiel, da wollte jeder den Ball, um zu zeigen, wie gut er ist."

Auf detaillierte Einzelkritik verzichtete Hickersberger diesmal, gab aber zu, "dass Leitgeb und Aufhauser derzeit nicht in Hochform sind". Den linken Außenverteidiger Fuchs nahmen sowohl der Teamchef ("Er hat gegen einen sehr starken Gegner gespielt") als auch sein Assistent Andreas Herzog ("Für ihn war es schwierig, weil er gegen bessere Spieler als in der Bundesliga und in einem anderen System und auf einer anderen Position als in seinem Club gespielt hat") in Schutz.

Für das Verhalten von Prager nach dessen Auswechslung hatte Hickersberger schon weniger Verständnis, weil der Heerenveen-Reservist sofort in die Kabine marschierte. "Das macht nicht einmal ein Ronaldinho", vermutete der Niederösterreicher.

Will noch auf Routiniers verzichten
Von seinen eigenen Spielern fühlt sich der Coach nicht im Stich gelassen. "Ich bin ein Mensch, der viel Geduld besitzt, aber ich lasse mich auch nicht ausnützen." Dies sei aber bisher auch nicht der Fall gewesen, so Hickersberger. Dennoch stellte er einigen seiner Akteure die Rute ins Fenster. "Wenn der eine oder andere glaubt, er ist sicher bei der EURO dabei, dann ist es nicht so, dass dies der Fall sein muss."

Diesbezüglich deutlichere Worte fand Herzog. "Jetzt ist die Frage, wer will besser werden oder wer glaubt, dass er ohnehin schon gut ist. Da werden sich sicher einige wundern, wenn sie bei der EM vor dem Fernseher sitzen."

Allzu viele personelle Alternativen bleiben Hickersberger mit Ausnahme der verletzten Spieler freilich nicht, zumal er auch nach wie vor nicht auf arrivierte Kicker zurückgreifen will. "Jetzt ältere Spieler einzuberufen, wäre eine Änderung des eingeschlagenen Weges. Es wäre besser, Harnik einzuberufen als jetzt zum Beispiel Vastic und Mayrleb zu bringen. Es bringt den österreichischen Fußball nicht weiter, schon neun Monate vor der EM auf Notlösungen zu setzen", sagte der Niederösterreicher.

Testspiele sollen Selbstvertrauen aufbauen
Für das kommende ÖFB-Camp ab 7. Oktober in Schruns/Tschagguns und die Partien gegen die Schweiz (Zürich, 13. Oktober) und die Elfenbeinküste (Innsbruck, 17. Oktober) sind also keine gravierende Änderungen zu erwarten. Neuerungen wird es aber insofern geben, als ab sofort bei Team-Zusammenkünften zusätzliche Testspiele etwa gegen Regional-Auswahlen eingeschoben werden, um laut "Hicke" mit möglicherweise deutlichen Siegen mehr Selbstvertrauen zu tanken.

Im Oktober jährt sich auch die Aufnahme von Conditioning Coach Roger Spry und Mental-Trainer Günter Amesberger zum ersten Mal. Hickersberger beurteilt die bisherige Arbeit des Duos positiv, gab aber auch zu bedenken: "Auch mit bestem Training und bestem Willen kann man über gewisse Grenzen ohne Doping nicht hinwegkommen."

Präsidium verlangt nun Bestandaufnahme
Hickersberger muss nach den jüngsten beiden enttäuschenden Länderspielen dem Präsidium des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) eine umfassende Analyse und Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vorlegen. Das gab ÖFB-Präsident Friedrich Stickler am Mittwochnachmittag im Anschluss an eine laut ihm "routinemäßige" Präsidiumssitzung bekannt.

"Wir erwarten uns Vorschläge und Maßnahmen, die uns dorthin bringen, wo wir hinwollen", erklärte Stickler, der die Analyse "so schnell wie möglich" haben möchte. Auf die Frage, ob Hickersberger zur Disposition stehe, meinte Stickler deutlich: "Es gibt keine Überlegungen in dieser Hinsicht."

12.9.2007 17:19
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