Bringt Schülern keinen Leistungsgewinn: NEWS über Sitzenbleiben als Auslaufmodell
- Klassenwiederholungen sollen Ausnahme werden
- Schul-Expertenkommission diskutiert Alternativen

·Schulreform: Aus
für das Sitzenbleiben?
Claudia Schmied strebt
"neue Mittelschule" an
·Schulreform: Steirer ÖVP kritisiert Schmied
Als "unprofessionell und unstrategisch" bezeichnet
·Zu Schulbeginn viel Neues im Schulsektor
Kleinere Klassen, PISA,
neue "Modellregionen"
Die Schulferien verbrachte der 17-jährige David Zitzmann aus Wien diesmal mit Jobben und Lernen: ein Monat Ferialpraxis, ein Monat Nachhilfe. Geholfen hat es nichts: Die Englisch-Nachprüfung letzten Freitag hat er "total verhaut". Also dreht der Gymnasiast heuer eine "Ehrenrunde" - obwohl die Noten in den anderen Gegenständen "eh ok" waren. Er sieht "keinen Sinn im Sitzenbleiben, es ist blöd, alle anderen Fächer zu wiederholen. Alle meine Lehrer und Klassenkameraden sind weg, jetzt sind alle neu für mich, und das ein Jahr vor der Matura."
Der OECD-Bildungsforscher und PISA-Koordinator Andreas Schleicher nennt dieses System "ziemlich teuren Unsinn", denn das Sitzenbleiben bringe für den einzelnen Schüler "keinen Leistungsgewinn", sondern verschiebe die Probleme nur um ein Jahr. Folgerichtig empfiehlt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit pünktlich zu Schulbeginn, das Sitzenbleiben einzuschränken.
Davon hält die Mehrheit der ÖsterreicherInnen, auch wenn sie selbst schon lange nichts mehr mit Schule zu tun haben, jedoch nichts: Sitzenbleiben "muss sein", meinen sie. Das kommt, so vermutet Bernd Schilcher, der Leiter der Expertenkommission, die sich mit der Schule der Zukunft befasst, "ein bissl aus Rache. Die Leute sagen: selber schuld. Wenn einer faul war, soll er das Jahr noch einmal machen. Bei uns gilt ja auch eine Schule dann als gut, wenn nicht alle durchkommen, sondern viele durchfallen."
Sitzenbleiben als Strafe
Das Durchfallen gibt es nur noch in einer Minderheit der Länder Europas. In Skandinavien kämen Lehrer nicht auf die Idee, Schüler einfach an Kollegen weiterzureichen und sie dieselbe Klasse nochmals besuchen zu lassen. Andreas Schleicher: "Damit werden Schüler bestraft, aber nicht besser."
In Österreich verlieren so rund 35.000 SchülerInnen ein Jahr: jene, die den "Nachzipf" nicht schaffen, plus jene, die gar nicht erst zur Wiederholungsprüfung antreten dürfen.
Ein verlorenes Jahr
So wie die 17-jährige Wienerin Alina Bischof, die es in der sechsten Klasse Realgymnasium in Französisch und Englisch erwischte: "Ich verliere ein Jahr, das ist eigentlich unnötig. Hätten wir ein Modulsystem, in dem ich nur diese Fächer nachlernen müsste, würde ich es schon schaffen, denke ich."
Oder wie die 16-jährige Irina Forster, die im letzten Schuljahr, der sechsten AHS-Klasse, merkte, dass sie in Englisch und Physik "wackelte" - und sich dann dachte: "Das pack ich nicht. Also hab ich aufgegeben. Am Ende hatte sie fünf "Nicht genügend" und vier Fächer, in denen sie nicht beurteilt wurde. Jetzt versucht sie, aus dem Sitzenbleiben das Beste zu machen: "Okay, dauert die Jugend halt ein Jahr länger."
Persönliche Stigmatisierung
Bei den meisten führt das Sitzenbleiben aber nur zu Frust und Vergeudung von Lebenszeit, sagt Experte Schilcher. Unterrichtsministerin Claudia Schmied meint: "Das Sitzenbleiben ist mit einer persönlichen Stigmatisierung verbunden. Der Schüler wird aus seiner Klassengemeinschaft herausgenommen und damit aus seinem sozialen Gefüge gerissen. Das ist für Jugendliche häufig ein enormer psychischer Druck, oftmals leidet darunter die ganze Familie."
Mehr Informationen finden Sie im aktuellen NEWS 36/07!
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