Donnerstag, 30. August 2007

Rot-Schwarze Propaganda-Spielwiese:
SPÖ und ÖVP sollen Lexikon manipulieren

  • SPÖ wollte kritische Gusenbauer-Passagen tilgen
  • PLUS: Unfreundlichkeiten über Voves und Vassilakou

Nach Leserbriefen und Internet-Postings haben die Parteien offenbar eine weitere Spielwiese entdeckt: Funktionäre von SPÖ und ÖVP sollen bereits seit Jahren im Internet-Lexikon "Wikipedia" unterwegs sein, um dort jene Einträge, die die eigene Partei betreffen, zu schönen und die Konkurrenz entsprechend schlecht aussehen zu lassen.

So wurden von Servern der SPÖ aus kritische Passagen aus dem Porträt von Parteichef Alfred Gusenbauer gestrichen, die ÖVP textete eifrig an der eigenen Parteigeschichte mit und ließ im Präsidentschaftswahlkampf 2004 kritische Links aus dem Wikipedia-Eintrag ihrer Kandidatin Benita Ferrero-Waldner verschwinden.

Parteien bestreiten
SPÖ und ÖVP bestreiten, dass die Eingriffe in das Internet-Lexikon im Auftrag der jeweiligen Parteizentralen erfolgt sein könnten. "Auf keinen Fall ist das von der Bundesgeschäftsstelle aus gesteuert", versicherte SP-Sprecherin Catherina Straub gegenüber der APA. Ähnlich ihr VP-Kollege Gerald Fleischmann: "Es gibt keine Anweisung, den politischen Mitbewerber mit solchen Mitteln schlecht zu machen - weder früher noch heute."

Dass Partei-Mitarbeiter Wikipedia-Beiträge manipuliert haben könnten, wollen freilich weder SPÖ noch ÖVP ausschließen. "Unser Haus nützt das Internet im Alltag, daher kann man nicht ausschließen, dass in unserem Haus so etwas geschehen ist", sagt Fleischmann. Und: "Wie wir in Zukunft damit umgehen, werden wir jetzt prüfen."

"Jeder kann mitmachen"
Möglich sind derartige Manipulationen, weil Wikipedia auf einem auf den ersten Blick bestechenden Grundprinzip basiert: Jeder kann mitmachen. Wer in einem Artikel Fehler entdeckt, wer es besser oder einfach mehr weiß, der kann Korrekturen anbringen oder Artikel ergänzen. Genau das macht das System aber auch fehleranfällig. Wie sich nun herausstellt, sind nämlich bei weitem nicht alle Autoren der Wahrheit verpflichtet: Von der israelischen Regierung bis hin zum Software-Konzern Microsoft haben Behörden, Unternehmen und Politiker zu ihren eigenen Gunsten in die Online-Enzyklopädie eingegriffen - eben auch die österreichischen Großparteien.

Enthüllt wurden die Manipulationen mit Hilfe eines vom amerikanischen Informatikstudenten Virgil Griffith entwickelten Recherche-Werkzeugs, dem "Wikipedia-Scanner". Technisch ist das nicht besonders schwierig, denn alle Änderungen an den Wikipedia-Artikeln werden automatisch protokolliert - inklusive IP-Adresse (eine Art Internet-Telefonnummer) der Autoren. Der Wikipedia-Scanner sammelt nun beispielsweise einer Partei oder einer Firma zuzurechnende IP-Adressen und sucht die Wikipedia-Beiträge heraus, die von diesen Adressen aus bearbeitet wurden.

Aber auch über die politische Konkurrenz hat die ÖVP im Internet-Lexikon einiges zu sagen. Etwa über die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou: "Ihr als 'zu links' kritisierter Kurs führte zu Parteiaustritten - etwa von Gemeinderat Günther Kenesei, der zur ÖVP wechselte", heißt es etwa in einer am 6. Juli 2006 eingefügten Passage. Oder über den steirischen Landeshauptmann Franz Voves: "Er hat alle wesentlichen Positionen in der Landesverwaltung und landesnahen Betrieben mit SPÖ-Mitgliedern besetzt." Hier funktionierte allerdings die Selbstreinigungskraft der Wikipedia-Community: Beide Passagen wurden mittlerweile von anderen Usern gelöscht.

(apa/red)

30.8.2007 08:21