Mittwoch, 29. August 2007

Ösi-Power an der Weser

Von Martin Harnik wollen jene, die sich bereits eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn vor dem Weser-Stadion in Bremen drängen, alle ein Autogramm, doch Fan Marcus will es am meisten.

Auf einem österreichischen Teamtrikot soll der Shootingstar unterschreiben, der erst Österreich mit einem Treffer zum 1:1 gegen Tschechien verhalf, drei Tage später Bremen mit 1:0 gegen Nürnberg zum Sieg schoss. Nun ärgert sich die „Bild“-Zeitung, dass der ÖFB das Rennen um den 20-jährigen deutsch-österreichischen Doppelstaatsbürger gewonnen hat. Doch in Bremen ist Harnik keiner böse. „Hier mögen wir die Österreicher“, sagt Fan Marcus. Seit Andi Herzog sind sie in der Hansestadt Kult. Nur: Martin Harnik hat nie in Österreich gelebt.
Wenn der 20-Jährige spricht, dann besteht daran kein Zweifel. „Ich bin eben Piefke, und das hört man auch“, nimmt es Harnik gelassen. Und trotzdem hat er sich für den ÖFB entschieden. Vater Erich, der aus Graz stammt, will nichts mit der Entscheidung zu tun haben. Seit er sich 1972 kurz nach dem Bundesheer auf gut Glück in den Zug nach Hamburg setz-
te und dort „hängen blieb“, hat sich auch sein Dialekt verändert. „Der ÖFB hat sich um Martin gut gekümmert“, sagt er. Die Entscheidung, so bestätigt auch Harnik jun., sei vor allem sportlicher Natur gewesen. Vor zwei Jahren, als Harnik in der A-Jugend des Sechstligisten SC Vier- und Marschlande kickte, entdeckte ihn Austria-Akademie-Leiter Ralf Muhr, empfahl ihn dem ÖFB, der ihn zu einem Spiel der U19-Mannschaft einberief. Martin kam und traf.

Deutschland in Aufruhr. Nun kamen die deutschen Klubs in die Gänge, die schon ein Auge auf den talentierten Stürmer geworfen hatten. Bremen erhielt Anfang 2006 den Zuschlag, zahlte 12.000 Euro Ablöse, setzte ihn bei den Amateuren ein. Schon im ersten Spiel – erraten – traf er. „Was ich brauche“, so Harnik, „sind Leute, mit denen ich gut klarkomme. Nur so kann ich Leistung bringen.“ Das ist in Bremen ebenso der Fall wie beim ÖFB. Das hat er vergangene Woche in beiden A-Teams mehr als eindrucksvoll bewiesen. Trotzdem wird Martin Harnik auf dem Boden bleiben. Er hat die Realität außerhalb des Fußballs bereits kennen gelernt, eine Lehre als Versicherungskaufmann absolviert. Zwei Tage nachdem er die Prüfung abgelegt hatte, unterschrieb er den Profivertrag bei Bremen, drei Tage später flog er nach Kanada, um mit Österreichs U20-Team mit Platz vier eine weitere Sensation zu schaffen.

Einer für alle. Wenn Martin Harnik den Weg von der Kabine durch ein Spalier aus Fans geht, hält er zielstrebig auf das Trainingsgelände zu, lässt sich die Freude über den Rummel nicht anmerken. Immer wieder wird ihm auf die Schulter geklopft und gratuliert. Doch kaum ist er vorbei, gibt es erste Diskussionen. „Österreicher sind gute Kicker“, sagt ein Kind, „der Martin ist doch Deutscher“, ein anderes. „Ist doch egal“, sagt Marcus, der Fan. „Die Österreicher haben einen guten Stürmer gebraucht und wir Bremer auch. Jetzt haben wir Martin Harnik.“

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29.8.2007 17:16