Sonntag, 2. September 2007

Viktor Frankl starb vor 10 Jahren: Die Sinnfrage war sein ewiger Wegbegleiter

  • Starb im Alter von 92 Jahren an einem Herzversagen
  • Bekam 29 Ehrendoktorate, veröffentlichte 32 Bücher

Im Alter von vier Jahren schreckte er eines Abends kurz vor dem Einschlafen auf, von der Einsicht aufgerüttelt: "Eines Tages werde auch ich sterben müssen." Was dem weltweit bekannten "Sinnlehrer" Viktor E. Frankl, Schöpfer der dritten Wiener Schule der Psychotherapie, aber zu schaffen machte, war nie die Furcht vor dem Tod, sondern die Frage, "ob nicht die Vergänglichkeit des Lebens dessen Sinn zunichtemacht". Die Antwort, zu der sich der kleine Viktor durchringen konnte, war: "In mancherlei Hinsicht macht der Tod das Leben überhaupt erst sinnvoll." Am 2. September 1997, starb der Psychiater im Alter von 92 Jahren in seiner Heimatstadt.

Der zentralen Frage der menschlichen Existenz, der Sinnfrage, widmete Frankl sein ganzes Leben. Mit der von ihm entwickelten Logotherapie, der dritten Richtung der Wiener Psychotherapeutischen Schule nach jenen von Sigmund Freud und Alfred Adler, beschritt er neue Wege in der Sinnfindung und stieß damit auf weltweite Anerkennung.

Viktor Emil Frankl kam am 26. März 1905 in Wien zur Welt. Er wuchs in der Leopoldstadt auf, sein Vater brachte es vom Stenografen im Reichsrat bis zum Direktor im Sozialministerium. Schon als Mittelschüler interessierte sich Frankl, der sich in sozialistischen Jugendorganisationen engagierte, für Psychologie. Seinen ersten einschlägigen Vortrag hielt er mit 16 Jahren in einer Philosophischen Arbeitsgemeinschaft der Volkshochschule zum Thema "Der Sinn des Lebens".

Nachdem er an der Universität Wien mit dem Medizinstudium begonnen hatte, gründete Frankl 1928 in Wien und sechs weiteren Städten Beratungsstellen für junge Menschen in seelischer Not. 1930 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert, leitete in den darauffolgenden Jahren den sogenannten Selbstmörderinnen-Pavillon am Psychiatrischen Krankenhaus Am Steinhof und gründete 1937 eine eigene Praxis.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1938 wurde Frankl mit der Leitung der Neurologischen Station am Rothschild-Spital beauftragt, dem einzigen jüdischen Spital, das in der NS-Ära existieren durfte. Diese Position bewahrte ihn und seine Eltern zunächst vor der drohenden Deportation in ein Konzentrationslager. Ein Visum zur Ausreise in die USA lehnte er ab, um bei seinen Eltern bleiben zu können.

1942 nutzte auch seine Stellung nichts mehr, und Frankl wurde mit seinen Eltern in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. In den Lagern verlor er Mutter, Vater, seinen Bruder und seine erste Frau. Und dennoch sagte er später, dass er dort "eine der schönsten Stunden" seines Lebens verbracht habe, als er, nachdem er das Visum in die USA verfallen lassen hatte, seinem Vater bis zur letzten Stunde seines Lebens beistehen konnte.

Drei Jahre verbrachte Frankl in vier verschiedenen Konzentrationslagern, ehe er am 27. April 1945, aus dem Lager Dachau-Türkheim befreit wurde. Trotz der Qualen in den Konzentrationslagern stand Frankl immer auf dem Standpunkt: "Wen soll ich hassen?" Er habe nur die Opfer, nicht die Täter gekannt. Und irgendjemanden anstelle eines Täters schuldig zu sprechen, liege das Konzept der Kollektivschuld zu Grunde. Frankl, der nur zwischen der "Rasse der Anständigen und der Rasse der Unanständigen" unterschied, sei aber etlichen SS-Männern begegnet, "die sich eine gewisse menschliche Anständigkeit bewahren konnten".

"Angewandte Logotherapie" half Viktor Frankl, die Extremsituation des Konzentrationslagers zu überstehen. Noch 1945 kehrte Frankl nach Wien zurück und wurde 1946 zum Primarius der Neurologischen Abteilung an der Wiener Poliklinik berufen - eine Funktion, die er 25 Jahre innehatte. Eine einer Reihe von Publikationen folgten, die Viktor Frankls Ruhm als führenden Psychotherapeuten begründeten und versuchten, eine Antwort auf die Sinnfrage des Menschseins zu geben.

29 Ehrendoktorate bekam Frankl verliehen, seine insgesamt 32 Bücher wurden in 26 Sprachen übersetzt und erreichten Millionenauflagen. "... trotzdem Ja zum Leben sagen" wurde weltweit in neun Millionen Exemplaren verkauft. Die "Library of Congress" in Washington wertete dieses Werk als "eines der zehn einflussreichsten Bücher" in Amerika.

Neben anderen Auszeichnungen wie dem Oskar-Pfister-Preis der amerikanischen Psychiatergesellschaft war Frankl Träger des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst und gehörte damit der Österreichischen Kurie für Wissenschaft an. Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde er im Mai 1997. Im Oktober 1995 wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien verliehen. Frankl starb am 2. September 1997 an Herzversagen nach einem medizinischen Eingriff. (APA)

2.9.2007 20:57