Gib es bei uns künftig Diskont-Kliniken? Diskussion um Billig-Systeme à la USA
- Neoliberale Gesundheitsexperten für Managed Care
- Bittner: Brauchen Spitalsfinanzierung aus einer Hand
·Kdolsky will fast drei Milliarden umschichten
Einsparungen noch in dieser Legislaturperiode
·INFO-GRAFIK:
Gesundheitsausgaben in Österreich seit 2000
·"Nicht weniger, aber gezielter investieren!"
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Weil in den USA 45 Millionen Bürger keine Krankenversicherung haben, überlegt der internationale Beratungskonzern Booz-Allen-Hamilton, ob man das dort entstehende System von einer Art "Mister-Minit"-Kliniken mit Billigtarifen nach Österreich bringen sollte. In Deutschland wiederum entdeckt man laut Volker Amelung von der Medizinischen Hochschule sogenannte Managed-Care-Systeme, in denen private Betreiber einfach die Gesundheitsversorgung einer ganzen Region übernehmen. Der Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Franz Bittner, hingegen forderte bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen die Spitalsfinanzierung aus einer Hand.
Bremsen, Stoßdämpfer, Reifenwechsel beim Einfach-Diskonter. Dieses System haben in den USA sogenannte Retail-Kliniken für den Gesundheitsbereich übernommen. Dirk Knüppel von Booz-Allen-Hamilton (Frankfurt): "Es handelt sich um ambulante Behandlungseinheiten, die in oder an Supermärkten oder Apotheken angegliedert sind. Sie werden von Ärzten oder ausgebildeten Krankenschwestern betrieben."
Konzentration auf einfachste Handlungen
Selbstverständlich konzentriert man sich dort - wie eben im KFZ-Bereich oder bei "Mister Minit" - eben auf einfachste medizinische Handlungen: Da wird wohl Schnupfen behandelt oder eine andere banale Erkrankung. Schnell muss es gehen - und mit Diskont-Preisliste. Knüppel: "Der Zugang ist extrem niederschwellig. Die traditionellen Arztpraxen sind zum Teil Partnerschaften eingegangen, die Behandlungszeiten wurden verlängert, die Kosten deutlich gesenkt."
Kommt Billig-Sytsem in Österreich?
Die Frage sei, ob denn nicht auch Österreich mit seinem Gesundheitskostenproblem für ein solches System in Frage käme. Es gäbe mit 698 Ärzten pro 100.000 Einwohnern in Wien und 340 im Burgenland auch ein deutliches Gefälle, was den Zugang zu medizinischen Leistungen betreffe. Knüppel: "Ich glaube, dass so etwas in Europa kommen wird." Warum man allerdings nun auf privater Basis eher anonyme Einrichtungen zur Gesundheitsversorgung schaffen sollte, die den gerade deswegen oft kritisierten Spitalsambulanzen entsprächen, bleibt dahingestellt.
Bittner: Spitalsfinanzierung aus einer Hand
Eine ganz andere Sichtweise hat Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK). "Wir benötigen zuvor (vor der Finanzierung des gesamten Gesundheitswesens aus einer Hand, Anm.) eine Spitalsfinanzierung aus einer Hand. (...) Wir brauchen die Umsetzung des Prinzips 'Geld folgt Leistung'. Das ist ein hehres Ziel, die Umsetzung aber findet nicht statt. (...) Eine Entlastung der Sozialversicherung bei der Spitalsfinanzierung ist notwendig", stellte er Dienstagnachmittag bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen fest.
Die Spitalsfinanzierung aus einer Hand sollte laut dem WGKK-Obmann so aussehen: "Mindestens 70 Prozent der Spitalsfinanzierung sollte in die LKF (leistungsortientiertes Krankenhausfinanzierungssystem, Anm.) einfließen." Derzeit seien es nur 61,2 Prozent. Der Rest würde an den Landes-Gesundheitsfonds vorbeigeschoben. Nur 50 Prozent der Spitalsfinanzierung erfolge leistungsorientiert.
Ambulanzleistungen nur um 1,5 Prozent gestiegen
Laut den Daten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger dürften sich die Spitäler auch nicht über immer mehr Ambulanzleistungen beklagen. Demnach - so Bittner - sei nämlich die Frequentierung der Krankenhausambulanzen von 1996 bis 2005 nur um 1,5 Prozent gestiegen, die Frequenzen der niedergelassenen Fachärzte hätten hingegen um 27,5 Prozent zugenommen.
Diese zunehmende Inanspruchnahme der niedergelassenen Ärzte belastet naturgemäß das Budget der sozialen Krankenkassen. Daraus sollte die Gesundheitspolitik laut Bittner folgende Konsequenz ziehen: "Wir wollen unser Geld, das in den Spitälern ist, für den ambulanten Bereich zurück." Es müsse zu einer Entlastung der Krankenkassen bei den Aufwendungen für die Krankenhäuser kommen. Bittner: "Die Notwendigkeit der Abgangsdeckung aus Mitteln der Länder, Gemeinen und Rechtsträger - und damit das Risiko - hat sich seit dem Jahr 2000 reduziert." Die Daten des WGKK-Obmanns sprechen von einer Reduktion um 5,6 Prozentpunkte zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2005. Die Aufwendungen der Sozialversicherungsträger stiegen hingegen in diesem Zeitraum um 23 Prozent."
Modell Managed Care
Ein in den USA - zum Teil mit Konkursen der beteiligten Firmen geendetes Modell - für die Gesundheitsversorgung stellte Volker Amelung von der Medizinischen Hochschule Hannover vor: Managed Care im Kinzigtal in Süddeutschland bei Offenburg: Die Krankenkassen schloss einen Vertrag bis zum Jahr 2014 mit einer Managementgesellschaft für die medizinische Versorgung der 32.000 Einwohner des Tals für 50 Mio. Euro pro Jahr. Als Vergleich dient eine virtuelle Region. Fällt durch die verschiedensten Vorsorge und Therapiemaßnahmen im Vergleich zu der virtuellen Region eine Kostenreduktion an, teilen sich Krankenkasse und Managementgesellschaft den Gewinn. Ergebnisse dazu stehen aber noch aus.
(apa)

