Freitag, 5. Oktober 2007

Mega-Fang? Mutmaßliche Politkowskaja- Täter sollen weiter Morde verübt haben!

  • Kritik: Ermittlungen mit "politischem Charakter"

Die russische Justiz ermittelt gegen die Verhafteten im Fall der getöteten regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja auch wegen weiterer politischer Morde. Wie Medien unter Berufung auf die Ermittlungsbehörde berichteten, könnten die mutmaßlichen Täter demnach in Verbindung mit dem Mord am Chef der Bankenaufsicht, Andrej Koslow, im vorigen Jahr stehen.

Auch der Tod des Chefredakteurs der russischen Ausgabe des "Forbes"-Magazins, Paul Klebnikov, könnte auf das Konto der Verdächtigen gehen, schrieb die Zeitung "Kommersant". Die Generalstaatsanwaltschaft hatte die Festnahme von zehn Verdächtigen im Mordfall Politkowskaja verkündet und das Verbrechen als aufgeklärt bezeichnet.

Medien veröffentlichten die Namen der als mutmaßliche Täter genannten Männer, unter denen drei tschetschenische Brüder seien. Die Drei sollen den Mord an Politkowskaja vor deren Wohnung vor genau einem Jahr organisiert und ausgeführt haben.

Drahtzieher im Ausland?
Generalstaatsanwalt Juri Tschaika hatte erklärt, die Drahtzieher des Auftragsmordes säßen im Ausland. Sie hätten es auf einen Umsturz in Russland und auf eine "Herrschaft des Geldes und der Oligarchen" abgesehen. Mit diesen Äußerungen belastete Tschaika nach Meinung russischer Medien den im Londoner Exil lebenden Kremlkritiker Boris Beresowski. Moskau beschuldigt den Oligarchen einer Vielzahl von Verbrechen. Großbritannien verweigert dessen Auslieferung.

Der Chefredakteur der oppositionsnahen Zeitung "Nowaja Gaseta", für die Politkowskaja gearbeitet hatte, kritisierte den "politischen Charakter" der Ermittlungen. "Ich halte die Äußerungen Tschaikas über das Mordmotiv für politisch, ohne dass es in den Ermittlungsunterlagen dafür eine Grundlage gibt", zitierte die Nachrichtenagentur Interfax Dmitri Muratow. Die Zeitung hatte die Ermittlungen aber grundsätzlich begrüßt.

Reporter ohne Grenzen besorgt
"Wir sind besorgt darüber, dass nicht namentlich genannte Personen 'außerhalb Russlands' als die Drahtzieher des Mordes an Anna Politkowskaja identifiziert wurden", reagierte auch die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen (RSF) besorgt auf die Meldungen aus Moskau. "Im Gegensatz zu den Aussagen des Staatsanwaltes waren Menschen innerhalb Russlands daran interessiert, Anna Politkowskaja zum Schweigen zu bringen, und die Untersuchung sollte sich damit näher befassen", erklärte die Präsidentin von Reporter ohne Grenzen-Österreich, Rubina Möhring, in einer Aussendung. Reporter ohne Grenzen bedauert, dass die Identität und die Motive der Verdächtigen noch immer unbekannt sind. "Die Vertraulichkeit der Untersuchungen und die Unschuldsvermutung sind essenziell, aber es wäre wichtig, rasch weitere Informationen zu bekommen. Vielleicht ist es nun auch an der Zeit, einen Termin für den Prozessbeginn festzulegen", meint die internationale Pressefreiheitsorganisation.

Der Mord an Politkowskaja galt international als Anschlag gegen demokratische Grundrechte wie die Presse- und Meinungsfreiheit. Nach Berichten russischer Medien sind seit dem Zerfall der Sowjetunion in Russland 219 Journalisten unter nicht vollständig geklärten Umständen ums Leben gekommen, davon in diesem Jahr fünf. (APA/red)

5.10.2007 15:59