Donnerstag, 23. August 2007

Fünf Wochen BAWAG-Prozess in Wien:
Schlammschlacht um den Bankskandal

  • Schlagabtausch Elsner/Flöttl, Vorstand/Weninger

Fünf Wochen lang wurden im BAWAG-Prozess nun die neun Angeklagten zum größten Bankenskandal der österreichischen Nachkriegsgeschichte einvernommen. Wie konnte die damalige Gewerkschaftsbank in riskanten Spekulationen mit dem auf den Bermudas agierenden Investmentbanker Wolfgang Flöttl innerhalb von zwei Jahren laut Anklageschrift 1,44 Mrd. Euro verspekulieren - und dies vor dem Aufsichtsrat und in der Bilanz verheimlichen? Die Antworten der neun Angeklagten in den bisherigen 20 Verhandlungstagen im Wiener Landesgericht fielen widersprüchlich aus.

Besonders zwischen den zwei im Zentrum stehenden Beschuldigten, Ex-BAWAG-Generaldirektor Helmut Elsner und Investmentbanker Wolfgang Flöttl, spielt sich vor Gericht seit Wochen geradezu eine Schlammschlacht ab: Die beiden früheren Urlaubspartner in Flöttls Villa auf den Bahamas schieben einander gegenseitig die Verantwortung für die verlustreichen Spekulationsgeschäfte zu. Während Flöttl immer wieder betonte, Elsner habe alles gewusst und ihn zu riskanten Deals mit hoher Rendite-Chance gedrängt, widersprach Elsner, Flöttl habe seine Sondergeschäfte im Alleingang durchgezogen und Vereinbarungen mit der BAWAG gebrochen.

Auch zwischen Elsner und seinem früheren Aufsichtsratspräsidenten Günter Weninger wurde der Ball hin und her geschoben. Elsner habe ihn getäuscht und hintergangen, rechtfertigte sich Weninger. Elsner widersprach, Weninger sei laufend von den Geschäften informiert worden. Weninger brachte seinen damaligen ÖGB-Präsidenten Fritz Verzetnitsch ins Spiel, er habe diesen schon im Jahr 1998 von den ersten großen Verlusten mit Flöttl informiert. Verzetnitsch selber hatte im Bankenausschuss erklärt, er habe erst im Jahr 2000 von den großen Verlusten erfahren. Die Staatsanwaltschaft prüft nun ein mögliche Falschaussage Verzetnitschs. Der Ex-ÖGB-Chef ist für Mitte September als Zeuge im Prozess geladen, seine Aussage wird mit Spannung erwartet.

Die mitangeklagten BAWAG-Vorstände Josef Schwarzecker, Hubert Kreuch und Christian Büttner versuchten ebenfalls, sich als von Elsner getäuscht und mangelhaft informiert zu präsentieren. Wirtschaftsprüfer Robert Reiter von der KPMG betonte, er habe dem BAWAG-Vorstand damals vertraut. BAWAG-Vorstand Johann Zwettler, Elsners Nachfolger an der Bank-Spitze, hatte Erinnerungslücken. Generalsekretär Peter Nakowitz erklärte immer wieder, er sei nicht entscheidungsbefugt gewesen.

"Highlights" in den ersten fünf Prozesswochen waren die Vorführung eines "Club 2" des ORF, wo Elsner die ersten Karibik-Geschäfte mit Flöttl verteidigt hatte, und die Abspielung eines Telefonats zwischen Elsner und Flöttl über Flöttls "Geständnis" zu den Verlusten im Jahr 2000. Auch die Schilderung eines gemeinsamen Urlaubs auf den Bahamas von Flöttl und Elsners Familie sowie die Beschreibung der "Reise nach Zürich" zur Inspektion der Flöttl'schen Bildersammlung lieferten Bonmots. "Sondervorstandssitzungen" und rückdatierte Vorstandsprotokolle gaben Einblick in die Geheimhaltungsstrategie der Beteiligten.

Echte Aufklärung über die Hintergründe der riesigen Verluste, die die Bank in nur zwei Jahren durch Flöttls Geschäfte erlitt, brachte der Prozess bisher nicht. Warum der Investmentbanker drei Mal in Folge praktisch Totalverluste mit Spekulationen in japanische Währung und japanische Zinsen baute und so die damalige Gewerkschaftsbank laut Anklageschrift um 1,44 Mrd. Euro schädigte, wurde kaum beleuchtet. Und warum Flöttl immer wieder Geld anvertraut wurde, blieb nicht nachvollziehbar. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten eines Börsesachverständigen kann zu diesen Geschäften hoffentlich Aufklärung bringen. Auch die am 6. September beginnenden Zeugeneinvernahmen könnten noch Licht ins Dunkel bringen. Bis Mitte November ist der Prozess angesetzt, Beobachter rechnen aber schon damit, dass die Hauptverhandlung bis Weihnachten dauern könnte.

(apa/red)

23.8.2007 14:07