Liverpool zwischen Schweigen & Schüssen: Killer unbekannt - aus Angst vor Vergeltung
- Observer sieht Gefahr eines jugendliche Terrorismus
- Schusswaffe ist in Gangs ultimatives Statussymbol

Am Tag, als Liam Smith zu Grabe getragen wurde, verriegelten Geschäftsbesitzer ihre Türen. Zu groß war die Angst, dass die jungen Anhänger des Gang-Anführers randalierten. Genau ein Jahr, nachdem Smith mit einem Kopfschuss niedergestreckt wurde, herrscht jetzt im Liverpooler Viertel Croxteth wieder der Ausnahmezustand: Rhys Jones, ein elfjähriger fußballbegeisterter Bub, geriet womöglich aus Versehen in die Schusslinie rivalisierender Teenagerbanden.
Aus Angst vor Vergeltung schweigen viele Anrainer - obwohl sie wissen könnten, wer der Killer war. Der Polizei ist bekannt, dass die Gegend um den Tatort seit längerem von Banden terrorisiert wird. Vor allem um die Sozialbau-Siedlungen Norris Green und Croxteth kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. In beiden ist die Verbrechensrate hoch, die Probleme mit Drogenhandel sind allgegenwärtig. Auch Schießereien kamen vor.
"Wir dürfen nicht denken, dass diese jungen Gangmitglieder Kinder sind. Sie begehen Verbrechen wie Erwachsene und sie denken wie Kriminelle", sagt Paul Breen, Ex-Mitglied einer Gang.
Jugendliche wollen Helden sein
Die Jugendlichen wollen Helden sein und gehen aufs Ganze. Das ultimative Statussymbol - die Schusswaffe - ist dabei auf den Straßen der Hafenstadt Liverpool, die auch London mit Drogen beliefert, schon ab 50 Pfund (rund 75 Euro) zu haben. Anrainerverbände kämpfen seit langem für mehr Polizeipräsenz und Überwachungskameras. Nachbarn erzählen, dass sie sogar Angst haben, zum Einkaufen, in die Kirche oder in ein Pub zu gehen.
"Es ist entsetzlich", sagt Eileen Smith. Sie lasse ihre Kinder nicht mehr alleine spielen. Die angesehene Zeitung "Observer" sieht gar die Gefahr eines "jugendlichen Terrorismus'" im ganzen Land.
Täter weiter unbekannt
Zwar waren sechs Jugendliche in Polizeigewahrsam, doch der Täter blieb weiter unbekannt - obwohl nach Zeitungsberichten mindestens 15 Kinder die Bluttat und den Mörder gesehen haben. "Der Mord an Rhys Jones war schockierend, aber die Mauer des Schweigens, die die Ermittlungen aufhält, ist noch deprimierender", schreibt der "Observer". "Es ist widerlich, sich vorzustellen, dass da Jugendliche draußen sind, die wissen wer der Mörder war, aber nicht helfen", sagt ein Zeuge dem "Daily Mirror".
"Wir verstehen, dass die Leute Angst haben, aber sie müssen sich erheben", fleht Superintendent Chris Armitt. "Wir haben bisher nicht die Informationen, die wir wollen."
Rhys, der mit seiner Familie in einer Doppelhaushälfte unweit der Sozialbauten lebte, war sich der Gefahr durch junge Kriminelle wohl bewusst. "Er hatte große Angst vor denen. Er wollte nicht raus gehen, weil die Gangs vor den Geschäften herumhingen", sagt Hayley McCann, eine Freundin der Familie. Dennoch machte sich Rhys am Mittwoch nach dem Fußball mit seinen Freunden alleine auf den kurzen Weg nach Hause und "war zur falschen Zeit am falschen Ort", wie Ermittlungsleiter David Kelly später bedauerte. Für Rhys' Familie ein schwacher Trost.
(apa/red)
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