Dienstag, 31. Juli 2007

Ganz Italien trauert: Kult-Filmemacher Michelangelo Antonioni 94-jährig gestorben

  • Cannes-Leiter Gilles Jacob: "Ende einer Epoche"
  • "Neubeginn in der Geschichte filmischen Erzählens"

Die Welt des Kinos trauert um Michelangelo Antonioni. Der italienische Avantgarde-Regisseur starb am Montagabend in seinem Haus in Rom im Alter von 94 Jahren - am gleichen Tag wie der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman. Antonioni hat in seiner langen Karriere zahlreiche Genres ausprobiert und drehte über ein halbes Jahrhundert lang neben Dokumentar- und Kurzfilmen auch Welterfolge wie "Blow Up" und "Zabriskie Point". "Regisseur für wenige", nannte sich der Architekt der Kinomoderne einmal selbst, als "Analytiker der Seele" titulierten ihn italienische Kritiker.

Besonders in seinen Frühwerken wurde Antonioni häufig dem italienischen Neorealismus zugerechnet und beschäftigte sich mit der Nachkriegsgesellschaft. Themen wie menschliche Isolation und die äußere Entfremdung von der Umwelt standen dabei im Mittelpunkt.

Später drehte der am 29. September 1912 im mittelitalienischen Ferrara geborene Antonioni dieses Motiv jedoch um und untersuchte in seinen Werken stattdessen die innere Zerrissenheit und Entfremdung seiner Protagonisten. Besonders deutlich wurde dies in seiner Anfang der 60er Jahre entstandenen Trilogie "Die mit der Liebe spielen", "Die Nacht" und "Liebe 1962".

"Ende einer Epoche"
Der Leiter des Filmfestivals von Cannes, Gilles Jacob, sprach vom "Ende einer Epoche", nachdem erst der Tod des schwedischen Altmeisters Bergman bekanntgeworden war. "Zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden wird die Filmgemeinde zur Waisen". Der italienische Kulturminister Francesco Rutelli würdigte Antonioni am Dienstag als "Beobachter der Übel des 20. Jahrhunderts in all seinen Ausdrucksformen". Mit dem Tod des Regisseurs "schließt sich ein historischer Zyklus des italienischen Kinos", betonte Rutelli.

"Neubeginn in der Geschichte filmischen Erzählens"
Antonionis Name markiere eine zentrale ästhetische Position des 20. Jahrhunderts, einen "Neubeginn in der Geschichte filmischen Erzählens", schrieb das Österreichische Filmmuseum zur Retrospektive des Gesamtwerks 2003, die einen wahren Antonioni-Boom in Wien ausgelöst hatte.

Antonioni ging nach Abschluss seines Studiums zum Diplomvolkswirt an der Universität Bologna im Jahr 1939 nach Rom. Hier wollte er fortan sein Leben den Filmen widmen. Weltweite Berühmtheit erlangte er 1966 mit dem Film "Blow Up", der in die Kinogeschichte einging. Der Streifen mit David Hemmings und Vanessa Redgrave gilt bis heute als einer der wichtigsten Filme der 60er Jahre und wurde beim Filmfestival in Cannes 1967 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Vordergründig handelt es sich dabei um einen Krimi, der im "Swinging London" spielt. Jedoch bleibt in dem Werk wie so oft bei Antonioni vieles in der Schwebe, der Ausgang ist vage. Ein Kritiker meinte einmal, alles werde bei Antonionis Filmen "doppelbödig und unheimlich".

Vereinsamung und Unfähigkeit zu echten Gefühlen
Ein weiteres großes Thema des Maestro waren Vereinsamung und die Unfähigkeit zu echten Gefühlen. Dies wurde in dem Werk "Zabriskie Point" (1970) besonders klar. Dabei handelt es sich um eine Liebesgeschichte und gleichzeitig um eine Hommage an die 68er-Bewegung. Ein Student und eine Angestellte brechen mitten in der Zeit der schweren Revolten kurz aus ihrem Alltagsleben aus und treffen sich in der Wüste. Jedoch misslingt diese persönliche Flucht ebenso wie die politische Bewegung.

Seit einem Schlaganfall vor über 20 Jahren saß Antonioni im Rollstuhl, blieb seiner Leidenschaft für das Kino aber bis ins hohe Alter treu. So führte er 1995 nochmals Regie in dem Episodenfilm "Jenseits der Wolken", der sich wiederum mit der Sehnsucht nach Liebe befasst. Im selben Jahr erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk.

Sein letzter Film hieß "Eros", den er im Jahr 2004 drehte. Damals fiel Antonioni das Sprechen schon schwer, er konnte sich kaum noch bewegen. Am Montag sei er im Beisein seiner Ehefrau Enrica Fico zu Hause in Rom "friedlich in seinem Sessel" eingeschlafen. Die Beerdigung findet am Donnerstag in Ferrara statt.
(apa)

31.7.2007 15:17
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