Freitag, 3. August 2007

Studie des Wirtschaftsministeriums: Boom der Zeitarbeit lässt Armutsfalle zuschnappen

  • Zahl der Leiharbeiter wird sich bis '17 verachtfachen

Die Zahl der Leiharbeiter erhöhte sich in Österreich von 18.000 im Jahr 1996 auf 30.000 im Jahr 2000. 2006 waren es bereits 59.000, Tendenz stark steigend. Experten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle rechnen in Deutschland mit einer Verachtfachung binnen zehn Jahren, in Österreich könnte die Entwicklung ähnlich verlaufen.

Das berichten die "Salzburger Nachrichten". Parallel dazu schießen seit zehn Jahren die Zeitarbeitsfirmen wie die Schwammerl aus dem Boden. Zwischen 1996 und 2006 hat sich ihre Zahl von 676 auf 1442 mehr als verdoppelt. Ein Fünftel aller offen gemeldeten und 17 Prozent aller über das AMS besetzten Stellen gehen mittlerweile auf das Konto eines Überlassers, in Deutschland ist es fast schon jede zweite.

Eine 2005 erstellte und heuer aktualisierte Studie des Sozialforschers Andreas Riesenfelder von der L&R Sozialforschung belege nun, dass mit der zunehmenden Zeitarbeit auch die Armutsgefährdung großer Bevölkerungsschichten zunimmt. Die Studie, die auch dem ÖGB vorliegt, wird vom Auftraggeber, dem Wirtschaftsministerium, aber bis heute unter Verschluss gehalten, so der Bericht. Auf Anfrage hieß es demnach, die Endfassung sei noch nicht fertig, das Datum zur Veröffentlichung daher noch offen.

Laut Studie kann nur ein Drittel der befragten Zeitarbeiter von seinen Einkünften gut leben, ein weiteres Drittel komme nur knapp zu Rande und das letzte Drittel habe echte Probleme, über die Runden zu kommen. "2005 waren 65 Prozent der zeitarbeitenden Frauen und 40 Prozent der männlichen Leiharbeiter an der Armutsgefährdungsgrenze angesiedelt", berichtete ÖGB-Expertin Elisabeth Rolzhauser.

Obwohl die Einführung eines Kollektivvertrages für Leiharbeiter 2002 massive Verbesserungen gebracht hätte, würden häufige Arbeitslosenphasen zwischen den Einsätzen das Realeinkommen zusammenschmelzen lassen. Laut Insidern verdienen rund 14 Prozent unter 800 Euro im Monat. Bezieht man auch die Wartezeit zwischen den Einsätzen mit ein, lägen drei Viertel im Monatsschnitt unter der 800-Euro-Marke.

10 Prozent beträgt nach Angaben der weltgrößten Zeitarbeitsfirma Adecco der Abschlag gegenüber hausüblichen Löhnen. Neben der Einkommeneinbuße wären der Ausschluss von Weiterbildung, Karrierechancen und dauerhaften Sozialkontakten die Hauptkomponenten, die zur Unzufriedenheit der Leiharbeiter führten, sagt Josef Wallner von der Arbeiterkammer.

Viel geringer als angenommen ist laut Studie auch die Chance, im Anschluss an einen temporären Einsatz fix angestellt zu werden: Anders als im Ausland würden nur acht Prozent der Zeitarbeiter später übernommen. In Deutschland ist es laut Bundesverband Zeitarbeit (BZA) rund ein Drittel.

Weil laut Wallner immer mehr Unternehmen "ihr Stammpersonal extrem herunterreduzieren", fänden sich unter den 10 Top-Kunden des AMS "sechs bis sieben Zeitarbeitsfirmen". Negative Folge: Der Anteil temporär Arbeitsloser würde immer höher, die Arbeitsverhältnisse immer kürzer. "Bei sinkendem Durchschnittsbestand an Arbeitslosen ist die Zahl der Betroffenen dagegen gestiegen". Trotz erwiesener Nachteile würden Jobsuchende vom AMS gezwungen, einen Zeitarbeitsjob anzunehmen, sonst verlieren sie ihr Arbeitslosengeld.
(apa)

3.8.2007 19:01