Sonntag, 5. August 2007

Holocaust-Opfer demonstrieren gegen Israel: Überlebende fordern mehr Geld

  • "Warten die etwa, bis wir alle gestorben sind?"
  • Demonstrationen mit Judenstern in KZ-Häftlingskluft

"Warten die etwa, bis wir alle gestorben sind?", fragt ungehalten Jenny Rosenstein, während sie sich an ihrer Gehhilfe aus Aluminium festhält. "Für die lächerlichen 20 Euro im Jahr kann ich mir weder eine Brille noch Ersatzzähne beschaffen", klagt die Frau aus der Ukraine. Sie war bei Kriegsende acht Jahre alt. "Als ich sechs war, haben die Nazis vor meinen Augen meiner dreijährigen Schwester mit einer Axt den Kopf geborsten. Ich habe Prügel und Erniedrigungen erlitten, die ich mein ganzes Leben mit mir herumtrage."

Die Frau lebt heute in Jerusalem und kann sich nicht einmal Medikamente leisten. Mit ihrer geringen Pension überlebt sie weit unter der offiziellen Armutsgrenze. "Der Staat hat uns vergessen und besonders die Behinderten und Kranken ihrem Schicksal überlassen." Rosenstein hat keine Angehörigen. Über 30 ihrer nächsten Familienangehörigen wurden ermordet.

In Israel leben noch etwa 180.000 Überlebende des Holocaust. Die Jüngsten sind über 70 Jahre. Viele leiden unter psychischen und körperlichen Behinderungen. Besonders schwer trifft es jene 150.000 Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert sind und denen keine Rente aus Deutschland zusteht.

"Die Todesmärsche gegen Kriegsende sind uns heilig", sagt Rosenstein. "Unser Leben heute ist uns aber noch heiliger." Dennoch war sie noch nicht sicher, ob "mein Körper die Kraft hat, mich beim Marsch der Lebenden von der Knesset zum Ministerpräsidentenamt zu tragen". Eine erste Demonstration der Holocaustüberlebenden war angesagt. Viele Ambulanzen wurden zusammengerufen, um bei der nur etwa 700 Meter weiten Strecke den gebrechlichen Alten beizustehen. "Der tägliche Marsch von Auschwitz nach Birkenau fiel mir leichter als jetzt der Marsch zum Amt des Premiers", sagte ein Überlebender. Shmuel Reinusch (70) will sich zwei gelbe Sterne an die Brust heften. Auf einem werde "Jude" stehen, wie auf dem gelben Fleck, die die Nazis allen Juden aufzwangen, und auf dem anderen: "Verzeihung, dass ich noch lebe."

Seit dem offiziellen Holocausttag im April, als ganz Israel mit tiefem Ernst dem Schicksal der Juden während des Zweiten Weltkriegs mit offiziellen Zeremonien und Dokumentarfilmen im Fernsehen gedachte, wurde erstmals bewusst, dass viele Überlebende des Holocaust heute in bitterer Armut leben. Niemand kümmert sich um sie. Die Nationalversicherung hält sie mit minimalen Zuwendungen am Leben.

Eine emotionale Diskussion entbrannte. Ein Skandal nach dem Anderen wurde bekannt. So wollten israelische Banken nicht mit "schlummernden Konten" herausrücken. Juden aus Europa hatten sie im damaligen Palästina angelegt. Doch sie kamen im Holocaust ums Leben und die Banken verweigern deren Nachkommen das Geld. Der Staat bot nur Groschen als Entschädigung für Grundstücke, die ermordete Juden vor dem Holocaust als Sicherheit gekauft hatten und die heute von Nachfahren eingeklagt werden. In den Kellern israelischer Museen lagern Kunstwerke, die Nazis von Juden geraubt haben.

Doch bei der Not der Überlebenden geht es um menschliche Schicksale und nicht nur um Geld. "Wir wünschen, dass die Überlebenden des Holocaust ihren Lebensabend in Würde und ohne Not verbringen können", sagte Olmert am Wochenende, als er für jeden Überlebenden eine jährliche Finanzhilfe in Höhe von weniger als 20 Euro pro Person in Aussicht stellte. Olmert wurde Zynismus vorgeworfen und die Überlebenden-Organisationen beschlossen ihren ersten Protestmarsch. Die Vorstellung, dass ausgerechnet alte Leute mit Krücken, gekleidet in gestreifte Pyjamas und einem gelben Stern an der Brust vor dem Ministerpräsidentenamt demonstrieren könnten, versetzte Olmert unter Druck. Am Sonntag erklärte er entrüstet: "Es ist unwürdig, die Regierung mit gestreiften KZ-Anzügen unter Druck zu setzen." Dennoch beauftragte er den Adolf-Eichmann-Häscher, Holocaust-Überlebenden und Minister der Pensionistenpartei Rafi Eitan, einen Kompromiss zu suchen.

Die Zeitung "Yedioth Ahronot" meldete, dass nicht "allen" Überlebenden die gleiche Summe überreicht werden könne. Doch den Kranken, Schwerbehinderten und übrigen Bedürftigen sollte erst einmal mit monatlichen Zuwendungen zwischen 200 und 1.100 Euro ausgeholfen werden. Dieses "Programm", das bisher weder von der Regierung noch von den Überlebenden-Vereinen akzeptiert wurde, dürfte dem Staat etwa 100.000 Euro kosten. Noach Flug, Vorsitzender der Dachorganisation der Holocaust-Geretteten, sagte im Radio: "Staatsgründer David Ben Gurion hat von Deutschland Milliardensummen erhalten und damit den Staat Israel aufgebaut. Das ist auch gut und richtig gewesen. Aber kann jetzt der Staat nicht wenigstens einen Bruchteil dieser Summe aufwenden, um jenen Menschen ein würdevolles Lebensende zu ermöglichen, die das alles erlitten haben?" Jenny Rosenstein glaubt noch nicht an die Versprechen: "Die warten doch nur, bis wir alle verschwunden und unter der Erde sind." Sie habe schon zu viele große Worte und hohle Versprechen in ihrem Leben gehört.

(apa/red)

5.8.2007 21:49