Freitag, 3. August 2007

Ein großes vertracktes Spiel für Saif al-Islam al-Gaddafi: Schwestern 'Sündenböcke'

  • Revolutionsführer-Sohn half bei der Freilassung
  • Ganze Causa war aber "ein guter Deal" für Libyen

Für die einen ging es um Leben und Tod. Für Saif al-Islam al-Gaddafi war es eine Art Spiel. Die acht Jahre lang in Libyen eingekerkerten bulgarischen Krankenschwestern? Sie waren "leider Sündenböcke", wie der Sohn des libyschen Revolutionsführers der französischen Zeitung "Le Monde" sagt. Die jahrelangen Verhandlungen über ihre Freilassung? "Ein großes Durcheinander. Mit vielen Spielern." Und die Auflösung der ganzen Angelegenheit? "Ein guter Deal" für Libyen. Ganz ruhig sagt das der 35-jährige Gaddafi auf der Terrasse eines Luxushotels in Nizza.

Saif al-Islam al-Gaddafi macht seit Jahren von sich reden, indem er sich in verworrene Konflikte einschaltet und sie zu lösen hilft. Erstmals tauchte seine Gaddafi-Stiftung für Entwicklung im Jahr 2000 in ausländischen Schlagzeilen auf: Damals half er bei der Befreiung der deutschen Familie Wallert, die islamische Fanatiker auf den Philippinen entführt hatten. Die deutsche Regierung bedankte sich ausdrücklich bei der "libyschen Seite", nachdem Gaddafis Stiftung den Entführern eine "Entwicklungshilfe" von 25 Millionen Dollar (18,3 Mio. Euro) angeboten hatte und die Göttinger Familie freigekommen war.

Die Stiftung des 35-Jährigen vermittelte auch, als es um die Entschädigung für die Lockerbie-Opfer ging - libysche Geheimagenten standen hinter dem Anschlag auf ein US-Flugzeug, bei dem 1988 über Schottland 270 Menschen ums Leben kamen. Und sie handelte 2004 ein Abkommen mit den Hinterbliebenen des Flugzeugattentats von Niger aus, bei dem 1989 Dutzende Franzosen starben; auch dafür waren libysche Agenten verantwortlich.

Im jüngsten Fall sorgte die Gaddafi-Stiftung nach eigenen Angaben dafür, dass die Familien der libyschen Kinder entschädigt wurden, denen die bulgarischen Krankenschwestern angeblich absichtlich mit dem HI-Virus verseuchte Blutkonserven gegeben hatten. Für jedes der mehr als 400 Kinder sei eine Million Dollar (731.850 Euro) gezahlt worden. Libyen habe keinen Pfennig gezahlt, betont der Sohn von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi. Frankreich habe das Geld organisiert, mehr wisse er nicht. "Wir haben keine Fragen gestellt."

Und so sitzt der Gaddafi-Sohn auf der Hotelterrasse an der Cote d'Azur und sagt seelenruhig, er habe sowieso nicht geglaubt, dass die Bulgaren - gegen die die Justiz seines Landes immerhin die Todesstrafe verhängte und acht Jahre festhielt - schuldig seien. "Sie haben leider als Sündenböcke herhalten müssen." Es sei "eine komplizierte Geschichte" gewesen, sagt er. "Ein großes Durcheinander. Mit vielen Spielern. Man hat alle Spieler zufriedenstellen müssen."

Gaddafi wurde am 25. Juni 1972 in Tripolis geboren, studierte dort später Architektur, legte 1995 sein Diplom ab und baute einen großen Immobilienkomplex mit Hotels, Wohnungen und einer Moschee. Fünf Jahre später ging er an die International Business School in Wien - wo er nicht nur Deutsch lernte, sondern sich auch mit dem Jörg Haider anfreundete. Er habe "mit fast allen rechtsextremen Politikern in Europa gute Beziehungen", stellte er einmal fest.

Nächste Station ist die London School of Economics, und mit dieser Ausbildung im Rücken sucht der Junggeselle sich dann vertrackte Konflikte aus, an denen viele Parteien beteiligt sind und die nach einer Lösung schreien. Politischen Ehrgeiz hat er nach eigenen Worten nicht, auch wenn er immer wieder als möglicher Nachfolger für seinen Vater gehandelt wird. Er sieht sich lieber als humanitärer Botschafter, wie aus der Internetseite seiner Stiftung ersichtlich wird: Die nichtstaatliche Organisation glaube daran, "dass Freiheit und Entwicklung miteinander einhergehen" und will für die sprechen, die keine Stimme haben.

Daneben ist es offenbar einfach so, dass Saif al-Islam al-Gaddafi ein Spieler ist. Ein Spieler, der gern auf Falkenjagd geht, sich Wildkatzen als Haustiere hält und sich freut, wenn bei seinen Vermittlungsaktionen neben der Freiheit für die einen auch gehörig Geld für die anderen rausspringt. Im Falle der Krankenschwestern jedenfalls, sagt Gaddafi, habe Libyen "einen guten Deal" gemacht. (apa/red)

3.8.2007 08:03