Montag, 30. Juli 2007

ÖVP plant Intelligenztest für Dreijährige: Heftige Kritik von Opposition und Experten

  • Psychologin Spiel: "Gehört nicht in Hände von Laien"
  • Schüssel relativiert Vorschläge: Will Tipps für Eltern
    ABSTIMMEN: Was halten Sie von den Leistungstests?

Entwicklungstests für Kinder gibt es schon, die muss man nicht neu erfinden, aber sie gehören nicht in die Hände von Laien. So kommentierte die Entwicklungspsychologin Christiane Spiel (Universität Wien) gegenüber der APA die Forderungen von ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer. Neugebauer hatte angeregt, Bildungsstandards auf Vorschulkinder auszuweiten. Er wolle mit Hilfe von Entwicklungspsychologen festschreiben, was ein Kind mit drei oder vier Jahren können solle.

Entwicklungstests seien dazu geeignet, sowohl Rückstände als auch Vorsprünge in der Entwicklung eines Kindes aufzuspüren, erklärte Spiel. Allerdings müssten die Ergebnisse im Kontext des gesamten Umfelds des Kindes gesehen und interpretiert werden. Dies sei nur durch Experten - etwa Entwicklungspsychologen - sinnvoll, betonte die Wissenschafterin. Eine Standardisierung und eine Beurteilung solcher Tests durch Laien sei nicht zuletzt deshalb problematisch, weil dadurch Eltern total beunruhigt werden könnten, möglicherweise völlig zu Unrecht.

Die Entwicklungen speziell von Kleinkindern würden eine sehr große Bandbreite zeigen. Etwa wann Kinder zu sprechen beginnen, kann enorm variieren, ohne dass daraus Defizite abzuleiten seien. Tests, welcher Art auch immer, sollte stets dazu dienen, die Entwicklung von Kindern zu fördern.

SPÖ: Druck auf Kinder wird immer größer
Auf "unterschiedliche Geschwindigkeiten" bei der Entwicklung von Kindern verwies auch SPÖ-Kinder und Jugendsprecherin Elisabeth Grossmann. Wenn die ÖVP jetzt noch früher Eltern durch Standardisierungen und Leistungskataloge verunsichern wolle, erhöhe sich der Druck auf Kinder und Familien "immer mehr und immer früher", kritisierte Grossmann den Koalitionspartner. Kindergarten müssten Räume bleiben, in denen sich Kinder spielerisch entwickeln können.

Grüne: "Als nächstes Intelligenztest für Babys?"
"Was kommt als nächstes? Intelligenztests auf der Säulingsstation?", kritisierte die stellvertretende Bundessprecherin der Grünen, Eva Glawischnig, die Vorschläge Neugebauers. Anstatt einen weiteren Vorstoß in Richtung Testen, Prüfen, Aussortieren zu unternehmen, sollten Änderungen im System vorgenommen werden, welche die Bildungssituation aller Kinder verbesserten, so Glawischnig. Solche Maßnahmen wären "kostenlose Frühförderung für alle Kinder ab drei, Bildungspläne für den Kindergarten, Verbesserungen in der Ausbildung und Anerkennung von Kleinkind-Pädagoginnen und -Pädagogen sowie ein Anrecht auf einen Kindergartenplatz".

BZÖ für "nationalen Bildungsplan"
BZÖ-Bildungssprecherin Ursula Haubner sprach sich in einer Aussendung am Montag gegen Leistungstests für Kinder im Vorschulalter aus. Vielmehr sollte es einen "Nationalen Bildungsplan" für das letzte Kindergartenjahr mit Schwerpunkt auf Sprachförderung geben, so Haubner.

"Kindergärten sollen nicht die Schule vorweg nehmen, aber sehr wohl über einheitliche Standards eine Qualitätssicherung erfahren", so die Mandatarin. Es gehe darum, "pädagogisch wertvolle und kindgerechte Kriterien zu definieren, um gerade im letzten Kindergartenjahr die sozialen Kompetenzen mit einem Schwerpunkt auf Sprache zu stärken".

Schüssel für "Tipps" an Eltern
VP-Klubchef Wolfgang Schüssel hat die umstrittenen schulpolitischen Vorschläge aus seiner Partei relativiert. In der "Zeit im Bild 2" meinte der Alt-Kanzler, dass in der Diskussion "sehr vieles durcheinandergekommen" und von manchen "mit Gewalt" missverstanden worden sei. So habe in der ÖVP niemand gefordert, Leistungstests für Drei-Jährige einzuführen. Und auch einen generellen AHS-Aufnahmetest erwartet Schüssel nicht.

Der Klubchef plädierte dafür, Eltern von Kindern im Vorschulalter eine Information darüber zu geben, welche Fähigkeiten sich bis dahin entfaltet hätten. Dabei solle es sich um "Tipps" an die Mütter und Väter handeln, nicht aber um punktuelle Tests. VP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer hatte zuletzt angeregt, Bildungsstandards auf Vorschulkinder ab dem dritten Lebensjahr auszuweiten.

Bezüglich der von VP-Generalsekretär Hannes Missethon verfolgten Linie, wonach es wieder eine Aufnahmeprüfung für die AHS geben sollte, zeigte sich Schüssel eher skeptisch. Hier trat er für eine mehrjährige begleitende Beurteilung der Leistungen während der Volksschule ein.

(APA/red)

30.7.2007 22:43