Dienstag, 24. Juli 2007

Radsport versinkt im Chaos: Tour de France
zwischen Doping und Verschwörungstheorie

  • Tour-Chef bedauert Anwesenheit von Rasmussen
  • Medien zwischen Vertrauenskrise und Lobeshymnen

Das gab es noch nie: Der "Big Boss" der Tour de France, Patrice Clerc, wünscht den Top-Favoriten des weltgrößten Radrennens schlicht zum Teufel. "Ich bedauere die Anwesenheit von Michael Rasmussen", sagt der Chef des Veranstalters ASO der Zeitung "Le Figaro". Dabei singen viele französische Sportjournalisten geradezu Lobeshymnen auf den Träger des Gelben Trikots, als gebe es keinen Doping-Verdacht gegen den Dänen.

"ARD und ZDF ziehen zu Unrecht Derrick der Tour de France vor", schreibt selbst die linke "Liberation" nach Rasmussens Pyrenäenritt enthusiastisch. "Hier passieren spannende Dinge, Wunder! Man sieht, dass man sich Lourdes nähert: Das ist die Tour der Erneuerung."

Sponsoren, Fans & Sportler
Der Fall Rasmussen zeigt die ganze Dramatik und den Zwiespalt, in dem die Tour de France steckt. Der Däne ist das Wunderkind der Saison - aber wegen Dopingverdachts von der Weltmeisterschaft in Stuttgart ausgeschlossen. Er ist nicht überführt, präsentiert sich aber mit verbissenem Schweigen wie ein Schuldiger. Die Folge: Um ihr Image besorgte Sponsoren wandern ab und die Fans trauen dem Sieger nicht - bleiben aber begeistert dabei. Viele denken bei der Tour wie Rasmussen, der sagt: "Wenn ich anfange, mich mit etwas anderem zu beschäftigen als mit dem Radsport, werde ich verrückt."

Die Lage ist paradox: Vier von fünf Franzosen glauben nicht an einen ehrlichen Sieger, aber 52 Prozent erklären dennoch, sie liebten die Tour. Wenn die große Karawane vorbeizieht, drängen sich wie jedes Jahr 14 Millionen Menschen am Straßenrand. Sechs bis acht Stunden stehen die Fans in der Regel an, um erst die Sponsorautos und dann die Profi-Radler zu bestaunen.

So zwiespältig wie ihre Leser reagieren die französischen Medien auf die "Doping-Tour". Im Politik- oder Wirtschaftsteil wird über Profite und Vertrauenskrisen geschrieben und zynisch vorgeschlagen, man sollte die Pharmakonzerne gegeneinander antreten lassen. Auf den Sportseiten bejubeln dieselben Blätter gleichzeitig die forschen jungen Fahrer und ihre neuen Höchstleistungen.

Mega-Geschäft
Die Tour de France ist ein Riesengeschäft. Der Umsatz liegt bei 130 Millionen Euro und der Gewinn bei 15 Millionen. Das Rennen wird von 85 TV-Sendern weltweit übertragen und ist damit eine riesige Werbefläche für Sponsoren und Partner. Rund 30 Sponsoren von adidas bis Orange finanzieren mit 158 Millionen Euro die Mannschaften. Audi stellt den Organisatoren kostenlos Autos zur Verfügung. Die Teams haben Budgets zwischen 3,5 Millionen Euro (Barloworld) und 15 Millionen Euro (T-Mobile) zur Verfügung.

Zwiespalt aber auch unter den Sponsoren. Manche wie adidas, Discovery Channel und Credit Agricole werfen das Handtuch, weil sie um ihr Markenimage fürchten. Andere halten es mit Nestle Waters: "Solange die Menschen so zahlreich an den Straßen und vor dem Fernseher sind, werden wir dabei sein." Doch die Abwanderungswelle schwillt an.

Clerc wittert dahinter eine Verschwörung des internationalen Radsport-Verbandes (UCI). Wenn Doping während des Rennens aufgedeckt werde, zeige das die Effizienz des Kontrollsystems. Der Verdacht gegen Rasmussen sei aber nicht bei der Tour aufgekommen, sondern nur von der UCI publik gemacht worden.

"Es handelt sich um den Versuch einer Destabilisierung", sagt Clerc. Und er schiebt eine Warnung "an alle" nach, "die aus persönlichen, privaten, wirtschaftlichen" Gründen die Tour schädigen wollten. "Sie unterschätzen die Macht des Ereignisses. Selbst wenn das etwas großspurig klingt: Frankreich wird es nicht zulassen, dass mehr oder weniger zweifelhafte Interessen der Tour schaden."

Rasmussen weist alle Vorwürfe zurück
Der Däne Michael Rasmussen hat Vorwürfe wegen Doping-Vergehen zurückgewiesen. "Ich habe einen Fehler begangen. Aber das war ein Verwaltungsfehler, für den ich mich entschuldigt habe", betonte der Träger des Gelben Trikots am zweiten Ruhetag der Tour de France in Pau. Rasmussen war vom Radsport-Weltverband (UCI) und vom dänischen Verband (DCU) mehrfach verwarnt worden, weil er seinen Aufenthaltsort nicht fristgerecht mitgeteilt habe und so Doping-Kontrollen entgangen sei.

Rasmussen war laut eigenen Angaben dreimal verwarnt worden - zweimal von der UCI und einmal von der DCU. Der umstrittene Däne, der ein Jahr nach dem Doping-Skandal um den US-Amerikaner Floyd Landis die größten Chancen auf den Tour-Sieg hat, bezweifelte die Rechtmäßigkeit der Verwarnungen. Rasmussen argumentierte seine verspäteten Meldungen unter anderem mit dem langen Postweg zwischen Mexiko, wo seine Familie lebt, und Dänemark. Die entsprechenden Briefe seien mitunter über eine Woche unterwegs gewesen. (apa/red)

24.7.2007 16:44