Mittwoch, 13. Juni 2007

Wie die Macht klingt

  • Bei Welser-Möst in Cleveland

NEWS besuchte den neuen Musikchef der Staatsoper im US-Hauptquartier. Und: NEWS bei Dominique Meyer in Paris.

Die Signale, die am Montag der Vorwoche aus höheren Dunstkreisen an leider ausgewählte Medien ergingen, ließen keine Deutlichkeit vermissen: „Selbstverständlich“ stehe Neil Shicoff als Direktor der Wiener Staatsoper ab 2010 fest. Ministerin Claudia Schmied werde den Wunsch des Kanzlers auf dem Konsensweg erfüllen. Tatsächlich hatte man im Kunstministerium mehrere Personalpakete geschnürt, alle – außer einem – mit Shicoff: Am Mittwoch, 6. Juni, zu Mittag sollten einander Kanzler und Ministerin treffen, um den neuen Operndirektor festzulegen. Am Dienstag – NEWS war wegen des Feiertags schon gedruckt – meldete sich Schmieds Bürochef telefonisch beim Dirigenten Franz Welser-Möst in Cleveland: Ob er denn bereit sei, mit Dominique Meyer, dem Intendanten des Théâtre des Champs-Élysées in Paris, in der Funktion des Generalmusikdirektors die Staatsoper zu führen? Welser-Möst und Meyer, die einander nie getroffen hatten, führten ein Telefonat, in dessen Verlauf sie das Du-Wort vereinbarten, und sagten zu. „Mir war klar, dass das Ganze keine ausgemachte Sache war“, sagt Welser-Möst heute. „Ich habe aber erlaubt, am nächsten Tag meinen Namen zu nennen, sollte es dazu kommen.“ Über Geld wurde bis heute nicht gesprochen. Als der Kanzler am Mittwoch mit seiner Ministerin zusammentraf und umfiel, hatte er die Shicoff feiernde Presseaussendung angeblich schon formuliert.

NEWS-Besuch in Cleveland. Der darauf folgende Freitag in Cleveland, Ohio. In der Severance Hall erheben sich bei Verklingen des letzten Taktes 2.100 Menschen ohne Hast und Zögern zu Standing Ovations. Im Städtchen am Eriesee, wo sich der Stolz der 450.000 Einwohner mangels Alternativen auf das fantastische Orchester konzentriert, hat man einen großen Adoptivsohn zu feiern: Music director Franz Welser-Möst goes Vienna! Welser-Möst lebensgroß auf dem Flughafen. Welser-Möst, im Stadtbild plakatiert. Welser-Möst im Fernsehen: Dass er an diesem Tag hier den „Rosenkavalier“ dirigiert, ist eine weitere Pointe des Schicksals, das in die Dramaturgie dieser Karriere eine außergewöhnliche Dichte dramatischer Wendungen investiert hat. Zum Beispiel: dass am 6. Juni 2007 der Kandidat des schwarzen Altkanzlers dem Kandidaten des roten Neukanzlers vorgezogen wurde, und zwar von dessen eigener roter Ministerin.

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PLUS: Dominique Meyer im Interview

13.6.2007 16:11