FORMAT: Auf der Suche nach schönem Müll -
Erfolgsstory der Schweizer Gebrüder Freitag
- Umhängetaschen wurden schnell zum Kultobjekt
- Hippe Bags nun weltweit schon in 400 Markenshops

In wenigen Jahren haben die Umhängetaschen der Gebrüder Freitag Kultstatus erlangt. Und das obwohl - oder gerade weil - sie aus gebrauchten Lkw-Planen und alten Radschläuchen sind.
Es war eine billige Bleibe an der Zürcher Hardbrücke. Mehr konnte sich Markus Freitag damals nicht leisten. Aber als mittelloser Lehrling war er schon froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Da störten ihn die abgewohnten Minizimmer mit dem gebrauchten Interieur wenig. Allein an "jene unglaublich lauten Nächte" hatte sich der heute 37-jährige Schweizer auch nach vielen Jahren nicht gewöhnt. "Tiefer Schlaf ist anders", witzelt der Designer, der dennoch gerne an die schäbige Hochhauswohnung an der verkehrsintensiven Nord-Süd-Transitstrecke zurückdenkt. "Es war der Ausblick, der mich fesselte", erzählt er.
"Porsche unter den Messenger Bags"
Tag für Tag blickte der Zürcher, manchmal allein, manchmal mit seinem jüngeren Bruder Daniel, wie hypnotisiert auf die vorbeiziehenden Lastwagen. Bis sie schließlich da war - die Idee, mit der das kreative Brüderpaar ein Stück Modegeschichte schreiben sollte: Aus alten Lkw-Planen, Fahrradschläuchen und Autogurten schneiderten die beiden auf Mamas alter Nähmaschine kurzerhand eine komfortable Umhängetasche. Freilich sollte das nur der Anfang sein. Nachbarn, Freunde und Bekannte - und zuletzt auch die Medien - wurden auf die trendigen, wasserdichten und robusten Taschen aufmerksam. Binnen weniger Jahre entstand so ein veritabler Hype um die Freitag-Bags. Heute gilt die Botentasche aus gebrauchten Lkw-Planen als der urbane Klassiker schlechthin oder, wie Design Austria-Präsident Alexander Szadeczky treffend formuliert, als "der Porsche unter den Messenger Bags".
Gemeinsames Faible für Müll
Viel gemeinsam hatten die Brüder nie. Markus machte die Lehre zum Dekorationsgestalter und absolvierte einige Kommunikationsmanagementkurse, der um ein Jahr jüngere Daniel schloss die Grafikerausbildung ab. "Das Einzige, was uns damals wirklich verband, war unser Faible für schönen Müll", meinen die beiden unisono. Weshalb sie sich schon im Teenageralter auf die Suche nach selbigem begaben - und fündig wurden: Für die Dritte-Welt-Läden in Zürich kreierten die zwei Eidgenossen unter anderem Auslagedekorationen aus gebrauchten Fahrradschläuchen und alten Autosicherheitsgurten - Utensilien, auf die sie seither schwören. So dienen ihnen die Schläuche heute als Kantenabfassung, die Gurte als Trageriemen. "Ohne es explizit zu wollen, sind unsere Taschen damit ein hundertprozentiges Recyclingprodukt", sagen sie stolz.
Dabei bestand das Ziel des Brüderpaares anfangs eigentlich einzig darin, eine robuste Tasche für Fahrradboten zu schneidern. Aber da es in Zürich seinerzeit keine fahrenden Postler gab, sollte es dann doch eine stylishe Tasche für viel beschäftigte Stadtbewohner werden.
Es ist nun exakt 14 Jahre her, dass sich die Freitags eine Industrienähmaschine zulegten, tausend Taschen schneiderten - und die Schweizer Zeitung "Tages-Anzeiger" auf sie aufmerksam wurde. Der Rest gleicht der Geschichte des amerikanischen Tellerwäschers, der es durch Fleiß, Beharrlichkeit und Bauernschläue zu Ansehen und Vermögen bringt.
Wirtschaftlicher Erfolg
Der wirtschaftliche Erfolg sollte also nicht ausbleiben - wenn auch etwas auf sich warten lassen. 1993 gründeten Markus und Daniel Freitag in Zürich zunächst eine Kollektivgesellschaft, "weil wir für diese Unternehmensform nichts zahlen mussten". - Was wichtig war, zumal sie anfangs "gar kein Geld" hatten. 1999 erfolgte die Umbenennung in Freitag lab. AG, welche ihnen bis heute zu gleichen Teilen gehört. Anfangs verkauften die beiden ihre Umhängetaschen in jener lausigen Bleibe an der Hardbrücke, in welcher Markus Freitag seine Lehrjahre verbracht hatte, danach in einem nahe gelegenen Laden und wenige Monate später gleich in mehreren Shops in Zürich.
Mittlerweile gibt es die hippen Taschen der Brüder, natürlich auch dank großzügiger Kredite ihrer Hausbank, in mehr als 400 Geschäften der Welt. Das Label ist vor allem in angesagten Markenläden in den USA, Europa und Asien sowie vereinzelt auch in Australien erhältlich. Nach der Schweiz ist Japan der wichtigste Umsatzbringer. In Österreich gibt es die praktischen Botentaschen in jeder größeren Stadt - etwa Wien, Linz, Graz, Innsbruck und Salzburg. Allerdings in nur einigen wenigen ausgewählten Läden. Ein Beispiel: In Wien hängen die Messenger Bags zurzeit einzig bei "be a good girl" in der Wiener Westbahnstraße.
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