Wendepunkt im Nachkriegs-Österreich:
Waldheim-Affäre sorgte 1986 für Aufregung
- Emotionale Diskussion um Nazi-Vergangenheit
- Filzmaier: "Chance zur Differenzierung verpasst"
Vor 21 Jahren stand die Innenpolitik im Bann der so genannten "Waldheim-Affäre". Die Diskussion um die NS-Vergangenheit des damaligen ÖVP-Kandidaten im Bundespräsidentenwahlkampf, Kurt Waldheim, wurde überaus emotional geführt. Diese Auseinandersetzung war der Startschuss für die längst fällige Aufarbeitung der braunen Vergangenheit in Österreich.
Waldheim hat in einem "Kurier"-Interview im Vorjahr betont: "Es war notwendig, ja unverzichtbar, dass wir Österreicher uns von der reinen Opferrolle verabschiedet haben. Sie war zwar Grundlage unseres inneren Friedens nach 1945, des Wiederaufbaus und unserer Nachkriegs-Identität, aber doch nur Teil der Wirklichkeit." Und er räumte auch ein, damals Fehler begangen zu haben: "Sicher würde ich manches Wort aus dem Wahljahr 1986 - vor allem das von der Pflichterfüllung - heute unmissverständlicher sagen."
Begonnen hatte die "Affäre Waldheim" im März 1986 mit der Veröffentlichung von Waldheims Wehrmachtskarte durch das Nachrichtenmagazin "profil". Waldheim erklärte damals zu seiner Kriegsvergangenheit im Fernsehen: "Ich habe meine Pflicht erfüllt, so wie hunderttausende Österreicher auch. Es handelt sich hier um eine groß angelegte Verleumdungskampagne. Sie werden nichts finden. Wir waren anständig."
Die Waldheim-Affäre war nur der Beginn des "Wendejahrs" 1986. Nach dem Wahlsieg Waldheims trat der Bundeskanzler der rot-blauen Koalition, Fred Sinowatz, zurück. Sein Nachfolger Franz Vranitzky kündigte im Herbst die Koalition mit der FPÖ auf, nachdem Jörg Haider die Parteiführung übernommen hatte. Nach den Neuwahlen, bei denen erstmals die Grünen den Einzug in das Parlament schafften, kam es zur Neuauflage der Großen Koalition.
Filzmaier: "Chance zur Differenzierung verpasst"
Der Politologe Peter Filzmaier sieht in der Person des verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Kurt Waldheim die österreichische Seele vertreten: "Das sich Arrangieren und die selektive Verantwortung", nannte Filzmaier gegenüber der APA als Beispiele dafür. Die durch Waldheims Vergangenheit ausgelöste Affäre habe aber auch positive Seiten, da sie eine längst überfällige Diskussion ausgelöst habe. Außerdem: "Waldheim hat eine Chance verpasst, die Chance zur Differenzierung."
Auch die Amtszeit des ehemaligen Bundespräsidenten habe unter der Affäre und das dadurch erwirkte Einreiseverbot in die USA gelitten. "Seine Amtszeit war die eines beschränkt handlungsfähigen Präsidenten", so Filzmaier. Aus diesem Grund habe damals auch Bundeskanzler Franz Vranitzky (S) die repräsentativen Funktionen übernehmen müssen.
Gesellschaftlich habe die "Waldheim-Affäre" in Österreich einiges bewegt, meint der Politologe. "Es waren Verdrängungsmechanismen, die vor diesem Fall zum guten Ton gehört haben und danach nicht mehr salonfähig waren." Trotzdem müsse man differenzieren zwischen einer Verschuldung als Kriegsverbrecher - der Waldheim nicht gewesen sei - und persönlicher Verschuldung.
(apa/red)
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