Montag, 18. Juni 2007

NEWS LEBEN schlägt Alarm: Ess-Störungen
gelten als gefährlicher Hunger der Seele

  • Längst sind Personen aller Altersgruppen betroffen
  • Wichtig: Verständnis bedeutet Betroffenen sehr viel

Meist sind sie ein Versuch, Kontrolle über die eigenen Gefühle zu gewinnen. Ein Hilferuf der Seele, ein Schrei nach Zuwendung oder das verzweifelte Streben, sich den vermeintlichen Erwartungen anderer anzupassen, äußerliche Ideale zu erreichen und dadurch liebevolle Beachtung zu finden. Essstörungen haben, realistisch betrachtet, nicht viel mit dem Essen an sich zu tun.

Jede noch so harmlose Diät kann zur Einstiegsdroge werden. Kreist das gesamte Denken irgendwann nur noch um Essen und Gewicht, sorgt peinliches Verschweigen oft dafür, dass das Problem jahrelang unbehandelt bleibt. Unwissen und Scham können dann Leben kosten. Weil Essstörungen nicht einfach „eine dumme Sache“ sind.

Ignoranz & viele Opfer
Als US-Sängerin Karen Carpenter 1983 starb, lautete die Todesursache noch schlicht „Herzversagen“. Dass ihr früher Tod die Folge jahrelanger Krankheit war, wurde damals von der Öffentlichkeit kaum registriert. Denn Magersucht, also Anorexie, galt nur den wenigsten als ernst zu nehmende Erkrankung. Heute ist dies zum Glück anders. Und doch längst noch nicht „anders“ genug: Todesfälle berühmter Models etwa sorgen zwar regelmäßig für Aufregung, doch ist der Terror durch Vorgaben unrealistischer Idealbilder der Werbe- und Modebranche ungebrochen. So meinte Modeschöpfer Wolfgang Joop zum Tod des brasilianischen Models Ana Carolina Reston, das mit einer Körpergröße von 1,74 Metern nur noch 40 Kilo wog: „Wir leben nun einmal in einer Konsumgesellschaft, wo der Konsum regiert. Da muss man manchmal Opfer bringen“ (Zitat „Standard“).

Aufklärung tut not
Doch Zynismus ist ob der aktuellen Zahlen an Essstörungen erkrankter Menschen höchst unangebracht: Allein in Österreich gelten bereits rund 200.000 Menschen als betroffen. Und es handelt sich keines-
wegs ausschließlich um junge Mädchen, die Mode-Ikonen imitieren möchten. Die Krankheit betrifft längst auch Erwachsene, Männer und Frauen aller Alters- und Berufsgruppen. Eine aktuelle, von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky unterstützte Kampagne des renommierten Institutes „So what“ soll nun dafür sorgen, dass Essstörungen ernst genommen, ihnen vorgebeugt, sie korrekt diagnostiziert und rechtzeitig behandelt werden können. Das Motto: „Essstörungen – Wenn die Seele hungert“. Koordinator Bernhard Wappis, einst selbst an Magersucht und Bulimie erkrankt: „Die erste österreichweite Aufklärungskampagne in Sachen Essstörungen soll öffentliches Bewusstsein und Verständnis für diese schweren psychischen Erkrankungen schaffen. Betroffene brauchen Hilfe, um das einengende Korsett einer Essstörung wieder ablegen zu können.“

Viele Ursachen
Was dem Übel Einhalt gebieten könnte, formuliert Ernährungsexpertin Sasha Walleczek so: „Richtige Werte und Selbstvertrauen schützen vor Essstörungen. Verständnis für die Krankheit hilft den Betroffenen aus der Isolation.“ Und Gesundheitsministerin Kdolsky betont: „Das Thema wird nach wie vor tabuisiert und aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Wir müssen rechtzeitig Hilfe bieten, um körperliche Schäden zu verhindern.“ Die aktuelle Kampagne soll dabei helfen. Betroffene und Angehörige finden überdies Rat und Hilfe unter www.sowhat.at oder der Essstörungshotline 0800/20 11 20.

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18.6.2007 16:16