Montag, 4. Juni 2007

"Die Reichen sollten uns helfen": Afrika ruft die G-8 zu Handlungen statt Versprechen auf

  • Kritik vor allem an den Agrar-Exportsubventionen

Vom G-8-Gipfel haben weder Suleimane Diallo noch seine beiden Brüder je etwas gehört. Aber die drei jungen Männer aus Guinea, die sich auf den staubigen Straßen der senegalesischen Hauptstadt Dakar als Obstverkäufer durchschlagen, wissen, was ihnen am meisten fehlt: Geld und Arbeit. Zwei Jahre nach dem Versprechen der sieben wichtigsten Industrienationen und Russlands (G-8), Afrikas Armut zu beenden, warten die drei immer noch - wie die Mehrheit der Menschen auf dem Kontinent.

"Die Reichen sollten uns helfen, aber viel haben wir davon noch nicht gesehen", sagt der 22-jährige Diallo in stockendem Französisch. Diese Meinung teilen viele seiner Landsleute: Nur wenige der Ankündigungen des unter dem Motto "Jahr Afrikas" stehenden G-8-Gipfels 2005 im schottischen Gleneagles sind tatsächlich durchgesetzt worden. Von der Verdoppelung der Hilfsgelder bis 2010 sei noch nicht viel zu spüren, die Staatsschulden afrikanischer Länder würden nur selten erlassen und die angekündigten Exportsubventionen unzureichend umgesetzt, heißt es bei der Mehrheit der Regierungen Afrikas. Die G-8 solle endlich liefern, lautet die Forderung von Tunis bis nach Kapstadt.

"Besonders im Bereich der Exportsubventionen hat die G-8 ihre Versprechen überhaupt nicht gehalten", meint Famara Jatta, Chef der Zentralbank Gambias. Rhetorik habe es viel gegeben, findet auch Amina Ibrahim, Entwicklungsberaterin des Ex-Präsidenten Nigerias, Olusegun Obasanjo. "Aber wenn es darum geht, Geld auf den Tisch zu legen, ist gar nichts geschehen."

Für eine zunehmend zynische Haltung gegenüber der G-8 und dem Gipfeltreffen im deutschen Ostseebad Heiligendamm in dieser Woche hatten zuletzt auch veröffentlichte Studien von Entwicklungshelfern beigetragen. Demnach ist der Zufluss von Geldern aus dem "Club der Reichen" an den afrikanischen Kontinent im Jahr 2006 im Vergleich zum Vorjahr sogar geschrumpft, statt gestiegen.

Nicht wenige bezweifeln, dass Afrika überhaupt auf der Agenda westlicher Diplomatie steht, wie die Politiker der Industrienationen immer wieder gerne betonen. "Der Westen ist mit anderen Problemen weltweit wie dem Irak, dem Libanon und dem Iran beschäftigt", erklärt Ismail Maaref Ghalia, Professor für Politikwissenschaften aus Algerien. Ein weiterer Kritikpunkt sei die Subventionierung einheimischer landwirtschaftlicher Produkte der reichen Nationen. Dadurch hätten afrikanische Produzenten keine Chance, sich auf dem Weltmarkt durchzusetzen - und blieben Gefangene der Armut eines von Dürre, Epidemien und Konflikten geplagten Kontinents.

Die meisten Afrikaner sind sich aber auch bewusst, dass sie es oft genug der eigenen politischen Führung zu verdanken haben, dass Hilfsgelder nur selten dort ankommen, wo sie am meisten gebraucht werden - bei den Ärmsten. Korruption regiert nach wie vor in einer Vielzahl afrikanischer Staaten und trotz der jüngsten Welle hastig abgehaltener Wahlen bleibt eine stabile Regierung in vielen der von Kriegen und Krisen geplagten Ländern bloß fernes Ziel. "Nur weil es regelmäßig Regierungswahlen gibt, heißt das nicht, dass die Demokratie gut funktioniert", sagt Tole Sagnon, Gewerkschaftschef in Burkina Faso. Viele Afrikaner setzen daher eher auf Selbsthilfe als auf die G-8. Nicht die G-8-Länder könnten Afrikas Armut bekämpfen, meint eine Volkswirtin aus Benin. "Afrika muss seine Probleme selbst lösen".

(apa/red)

4.6.2007 08:36