Dienstag, 5. Juni 2007

'Wladimir muss sich nicht fürchten': Bush beruhigt & gießt wieder Öl ins Raketen-Feuer

  • US-Präsident geißelt Russlands Demokratie-Defizite
  • Tschechen wollen Bush auf Visafrage hinweisen

"Wladimir" wird nicht erfreut sein - denn "George" will es nicht lassen, ihn zu mahnen und zu belehren. Um seine freundschaftlichen Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin zu unterstreichen, erzählte US-Präsident George W. Bush in Prag öffentlich, dass er seinen Amtskollegen "Wladimir" nenne. Dann versuchte er erneut, den offensichtlichen Zorn Putins über die US-Raketenabwehrpläne zu besänftigen. Russland sei "kein Feind" und brauche "nichts zu fürchten" - aber wenige Stunden später goss Bush wieder Öl ins Feuer. Er prangerte mit ungebrochenem Sendungsbewusstsein die Mängel der russischen Demokratie an und betonte den amerikanischen Anspruch, die Tyrannei in aller Welt zu beenden.

Mit seiner ungewöhnlich offensiven Rede gab der innenpolitisch angeschlagene Bush die Marschroute für den G-8-Gipfel in Heiligendamm vor. Ungeachtet der enormen Probleme im Irak und in Afghanistan will der US-Präsident für eine weitere Verbreitung von Freiheit und Demokratie und den offensiven Kampf gegen den Islamismus eintreten. Zwar beteuert er immer wieder, mit Russland sogar beim Raketenabwehrsystem in Mitteleuropa zusammenarbeiten zu wollen. Aber die deutliche Kritik an der russischen Demokratie wird Putin kaum versöhnlich stimmen.

Am Donnerstag in Heiligendamm kommt es nun zu der spannenden Begegnung zwischen Bush und Putin. Eine offene Konfrontation nach dem Treffen der beiden Präsidenten am Rande von G-8 ist keineswegs ausgeschlossen. Schließlich hat Putin Bush schon früher bei gemeinsamen Pressekonferenzen verbal in die Schranken gewiesen. Aber noch nie zuvor lag so viel politischer Zündstoff zwischen den beiden Politikern.

Der US-Präsident weiß, dass ihn in der Mecklenburger Bucht vor allem Probleme und Konflikte erwarten. Auf den amerikanischen Fernsehschirmen drohen Bilder von Protesten und Krawallen dem vorletzten G-8-Gipfel seiner Amtszeit die politische Schau zu stehlen. Und neben dem aufgebrachten Putin wartet an der Ostseeküste auch eine deutsche Kanzlerin, die noch keineswegs zufrieden scheint mit den amerikanischen Zugeständnissen beim Kampf gegen die Klimaerwärmung.

Der Auftakt in Prag hingegen war für Bush leicht und erfreulich. Hier nämlich stieß er auf Freunde und treue Verbündete, die sich vor allem über die leidige Visafrage ärgern. Viele Tschechen schmerzt, dass die USA zwar einerseits in Böhmen eine Radaranlage stationieren wollen. Andererseits verlangen sie von den Bürgern ihres "treuen Verbündeten" jedoch ein Visum. Grundsätzlich aber werden die USA als Befreier vom Faschismus und vom Kommunismus gesehen. Tschechiens Präsident Vaclav Klaus erinnerte daran, dass die frühere Tschechoslowakei 1918 ihre Staatlichkeit überhaupt erst mit einem in Pittsburgh geschlossenen Vertrag erlangt hatte.

Den vielleicht deutlichsten Hinweis der Freundschaft zu Washington erbrachte jedoch Tschechiens Verteidigungsministerin Vlasta Parkanova: Die leidenschaftliche Sängerin überreichte Bush am Dienstag eine CD mit einer selbst gesungenen Hymne auf die mögliche Stationierung einer umstrittenen US-Radarstation in Böhmen. Darin singt die Christdemokratin unter anderem: "Guten Tag, Fahne mit Sternen und Streifen, guten Tag, Radar, wir treffen uns bei Uncle Sam." Sie habe den Song mit einem befreundeten Musiker komponiert, sagte die 55-Jährige: "Inspirieren ließen wir uns von einem Loblied auf den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin."

(apa/red)

5.6.2007 18:16