Erfolge in Berlin: Therapie pädophiler Männer dämmt Kindesmissbrauch ein!
- 550 Meldungen, 90 therapiert - Fortsetzung offen
Sexueller Missbrauch von Kindern lässt sich nach einer Studie der Berliner Charite durch eine gezielte Therapie pädophiler Männer eindämmen. In dem nach Klinik-Angaben weltweit einmaligen Forschungsprojekt haben bisher 20 Männer, die sexuelle Neigungen gegenüber Kindern verspürten, eine Spezialtherapie beendet. Nach Ärzteangaben nahmen bei allen potenziellen Tätern Wahrnehmungsstörungen, wonach beispielsweise Kinder nach Sex verlangen, ab.
Als Konsequenz ihres zweijährigen Präventions-Projekts fordern die Mediziner mehr sexualmedizinische Ambulanzen in Deutschland. Auch Männer, die Kinderpornos drehten oder anschauten, gehörten in Behandlung, sagte Charite-Projektleiter Klaus Beier.
Das im Sommer 2005 gestartete Charite-Projekt war umstritten. Mit therapeutischen Hilfen für Kinderschänder - oder auch möglichen Tätern - rüttelte die Klinik an einem Tabu. Die Uni-Klinik argumentierte jedoch immer im Sinne des Kinderschutzes: Es gehe darum, pädophile Männer zu erreichen, bevor sie zu Tätern werden. Die Kinderschutz-Stiftung Hänsel+Gretel, die den neuen Ansatz finanziell unterstützte, sieht den ungewöhnlichen Weg durchweg positiv. Es gebe nun nachweislich Therapieformen, die Männer davon abhalten könnten, Kinder sexuell zu missbrauchen, sagte die Stiftungsvorsitzende Barbara Schäfer-Wiegand.
550 Meldungen, 90 therapiert
Seit 2005 haben sich rund 550 Männer anonym bei der Charite gemeldet. Rund 90 von ihnen wurden vom Charité-Institut für Sexualwissenschaften in das Programm aufgenommen. Die Hoffnung, von ihrer Neigung geheilt zu werden, mussten die Ärzte den Betroffenen nehmen. Der Wunsch nach Sex mit Kindern ist nach Angaben der Ärzte Schicksal - ähnlich wie zum Beispiel Homosexualität. Mit ihrer Therapie können die Ärzte bei ihren Patienten dennoch viel erreichen: Mitgefühl mit Kindern als Opfer und mehr Selbstkontrolle zum Beispiel - und im Notfall den Einsatz von Medikamenten.
In Gesprächen und Rollenspielen haben pädophile Männer am Charite-Institut gelernt, sich in die Lage eines Kindes hineinzuversetzen. Sie haben verstanden, dass Kinder von sich aus keinen Sex wollen, sondern Erwachsene ihre eigenen Wünsche auf sie projizieren. "Es geht zum Beispiel darum, dass ein pädophiler Mann Warnsignale deutlich wahrnimmt", erläuterte Therapeut David Goecker. "Wenn er oft an ein Kind denkt, ihm Geschenke macht oder es einlädt, dann sind das Warnsignale." Die Charite-Ärzte können mit ihren Behandlungsmethoden aber nicht ausschließen, dass ihre Patienten in Zukunft Kinder missbrauchen. "Aber wir können das Risiko mindern, dass es passiert", betonte Goecker.
200.000 Deutsche mit pädophilen Neigungen
Die Charité geht davon aus, dass in Deutschland rund 200.000 Männer aus allen Altersgruppen und Bildungsschichten pädophile Neigungen haben. Weder in der Ärzte-Ausbildung noch in der Fortbildung spiele das Thema aber eine Rolle, kritisierte Instituts-Direktor Beier. Es fehle auch an Ambulanzen. Außer in Berlin, Kiel und Franfurt (Main) gebe es kaum Spezialisten.
Die Zukunft des Charite-Projekts ist offen. Die Volkswagen-Stiftung unterstützt die Studie bis Ende November. Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten bisher nicht. Allein am Charité-Institut aber warten 45 pädophile Männer auf einen Therapieplatz. "Sie alle haben Angst, dass sie einem Kind etwas antun könnten", sagt Therapeut Goecker. (apa)
