FORMAT: Aufschwung in Wien - Hauptstadt zählt zu besten Wirtschaftsregionen Europas
- Arbeitslosigkeit sinkt, Bau und Tourismus boomen
- Donaumetropole punktet mit hoher Lebensqualität

·Teuerste Bürostand-
orte: London, Tokio
Wien hinter Budapest und
Bukarest an 72. Stelle
·Wien liegt wieder top im Städte-Ranking
In Sachen Lebensqualität nur hinter Zürich & Genf
Lebensqualität, Reichtum, Wachstum - Wien etabliert sich als eine der besten Wirtschaftsregionen Europas. Die Arbeitslosigkeit sinkt, Bau und Tourismus boomen.
Die Wiener Immobilienszene blüht wie schon lange nicht mehr. Doch die Hochkonjunktur und der Exportboom haben nun auch den gesamten Wirtschaftsraum Wien erfasst. Die in der Bundeshauptstadt traditionell hohe Arbeitslosenrate befindet sich derzeit mit knapp 71.000 gemeldeten Arbeitslosen auf einem Tiefststand. Die Auftragsbücher der Baufirmen sind voll, und die Touristen strömen so zahlreich wie nie nach Wien. Neo-SPÖ-Finanz- und Wirtschaftsstadträtin Vizebürgermeisterin Renate Brauner: "Unser Ziel ist, die Wissens- und Forschungsmetropole Zentral- und Osteuropas zu werden" (siehe Interview im aktuellen FORMAT).
Die Wiener Wirtschaft produzierte 2004 Leistungen und Waren im Wert von fast 65 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr steigerte die Stadt ihre Wirtschaftsleistung nochmals um 2,2 Prozent. Das Wirtschaftswachstum liegt zwar unter dem Österreich-Durchschnitt von 3,2 Prozent. Dennoch sind die Daten beachtlich: Im internationalen Vergleich zeigt sich nämlich, dass mitteleuropäische Großstädte generell nur moderat wachsen. Peter Mayerhofer, Experte am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo): "Das Wachstum ist sehr gut. Wien ist bereits eine der reichsten Regionen Europas und befindet sich nicht - wie etwa Osteuropa - in einem Aufholprozess, wo die Wachstumsraten normalerweise höher liegen würden."
Vor allem die EU-Erweiterung hat in Wien einen Modernisierungsdruck ausgelöst. Denn die geografisch nahe gelegenen neuen EU-Mitgliedsländer erzeugten enorme Konkurrenz. So hat die Stadt in den vergangenen zehn Jahren einen tief greifenden ökonomischen Strukturwandel durchgemacht: 1995 war noch ein Fünftel aller Beschäftigten im produzierenden Bereich tätig, heute sind es nur mehr 15 Prozent. Gleichzeitig aber stieg der Anteil der Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor auf mehr als 80 Prozent. Vor allem Business-to-Business-Leistungen, wie Beratung, IT-Services und Werbung, sowie der Gesundheitssektor sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Auch junge Industrien wie Forschung, Biotechnologie und die Kreativwirtschaft sind im Vormarsch.
Dieser Trend schlägt sich vor allem bei der Zahl der Unternehmensgründungen nieder: 2006 wurden alleine in Wien 8.288 Firmen neu eingetragen. Laut einer von der Stadt Wien in Auftrag gegebenen Studie sind nur ein Drittel davon sogenannte Scheinselbständige, also unfreiwillig Selbständige. Der Rest der Neo-Unternehmer wählte bewusst kein Angestelltenverhältnis, sondern die ökonomische Unabhängigkeit. "Bei Neugründungen liegt Wien vor allen anderen Regionen", sagt Wirtschaftskammer-Wien-Präsidentin Brigitte Jank, die heuer mit Stadträtin Brauner und dem Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF) zwei Millionen Euro in Wiener Klein- und Mittelbetriebe aus der Sachgüterproduktion pumpt.
Oppositionspolitiker kritisieren allerdings, dass die Stadt es verabsäumt habe, sich wie etwa deutsche Millionenstädte zu spezialisieren. Norbert Walter, ÖVP-Landesgeschäftsführer: "Die Ansätze bei Biotechnologie und Umwelt sind zwar sehr gut, aber sie müssen verstärkt werden. Hier gehört noch viel Arbeit geleistet."
Mit der EU-Erweiterung hat Wien sich auch eine Position als Standort vieler Osteuropa-Zentralen internationaler Konzerne erarbeitet. Rund 300 Unternehmen, darunter Henkel, Beiersdorf und Siemens, wickeln von Österreichs Bundeshauptstadt aus ihre Osteuropa-Aktivitäten ab. Vor allem die hohe Lebensqualität - in einem aktuellen Ranking der Beratungsfirma Mercer liegt Wien nach Zürich und Genf gemeinsam mit Vancouver auf Platz drei - lockt viele Betriebe an. Doch vor allem von osteuropäischen Städten, die bei Mieten und Steuern billiger sind, droht Konkurrenz. Immobilienexperte Ehlmaier: "Derzeit gibt es zwar keine Abwanderungstendenzen, aber Wien ist kein Selbstläufer mehr. Vor allem die hohen Lohnnebenkosten und der bürokratische Aufwand sind eine enorme Belastung."
Vor allem der Tourismus läuft in Wien wie geschmiert. 2006 verzeichnete man mit 8,6 Millionen Nächtigungen einen neuen Spitzenwert. Künftig will das Rathaus die Stadt stärker mit einem jungen und umweltfreundlichen Image vermarkten. Stadträtin Brauner, seit März auch Präsidentin des Wien-Tourismus: "Sissi kennt jeder, aber viele Gäste interessieren sich auch für die junge Wiener Designerszene und Wien als Umweltmusterstadt." Bis zur Fußball-EM werden daher mehrere Hotels eröffnet und 1.000 neue Zimmer fertig. Auch eine Hand voll Luxushotels sind derzeit in Planung. "Wien hat bereits ein sehr gutes Hotelangebot, auch in Nischenbereichen", sagt Michael Widmann, Geschäftsführer der Beratungsfirma PKF-Hotelexperts: "Viele Hotels sind gut für den Wirtschaftsstandort."
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