Freitag, 25. Mai 2007

Nächstes Doping-Geständnis im Radsport: Auch Däne Bjarne Riis outet sich als Sünder

  • Bei Tour-de-France-Sieg 1996 mit EPO gedopt
  • Affäre um Team Telekom weitet sich weiter aus

Der Däne Bjarne Riis hat sich als siebenter Profi des früheren deutschen Radrennstalls Team Telekom als Doping-Sünder geoutet. Der 43-jährige Tour-de-France Sieger von 1996 gab auf einer Pressekonferenz in Kopenhagen zu, mit EPO gedopt zu haben. "Ich habe Doping genommen, ich habe EPO genommen. Ich habe es selbst gekauft und eingenommen", sagte der ehemalige Telekom-Kapitän. Riis ist derzeit Teamleiter der dänischen CSC-Equipe. 2001 hatte er als Sportlicher Leiter bei der dänischen Mannschaft CSC Tiscali begonnen.

Zuvor hatten die Deutschen Bert Dietz, Christian Henn, Udo Bölts, Rolf Aldag, Erik Zabel und Riis Landsmann Brian Holm Doping zugegeben. Als Aktiver war er lange Jahre an der Seite des Deutschen Jan Ullrich für den T-Mobile-Vorgänger Team Telekom gefahren. Drei Jahre nach seinem Tour-Sieg beendete Riis 1999 seine Laufbahn. Zuvor hatte er sich bei der Frankreich-Rundfahrt 1997 in den Dienst des späteren Siegers Ullrich gestellt.

Riis weiß nach eigenen Angaben nicht, ob sein früherer Teamkollege Ullrich früher gedopt hat. "Nein, ich weiß es nicht", beantwortete der ehemalige Telekom-Kapitän die Frage, ob Ullrich verbotene Substanzen eingenommen habe. "Jan soll machen, was für ihn das Beste ist."

"Normalerweise wird der Sieg eines Fahrers aberkannt, wenn bekannt wird, dass er für dieses bestimmte Rennen gedopt war. Ich weiß nicht, wie sich das bei einem über zehn Jahren zurückliegenden Sieg verhält. Das wäre eine Frage für unsere Anwälte", hatte zuvor der Sprecher des Radsport-Weltverbandes (UCI), Enrico Carpani, mit Blick auf ein mögliches Riis-Geständnis gesagt.

EPO "Teil meines Alltags"
Bjarne Riis gab zu, in der Zeit von 1993 bis 1998 mit EPO, Kortison und Wachstumshormonen gedopt zu haben: "Es war Teil meines Alltags." Riis, der von 1995 bis zu seinem Karriereende 1998 im Bonner Team Telekom fuhr, sprach in der über 75-minütigen Pressekonferenz vor mehr als 100 Journalisten nach eigener Aussage als "Privatmann".

Anders als am Vortag Erik Zabel ließ Riis kaum Emotionen erkennen und wirkte bei seiner Beichte eiskalt und beherrscht. Er hätte keine "andere Wahl gehabt", als elfeinhalb Jahre zu lügen.

Ausdrücklich sagte der heute 43-Jährige, dass die ebenfalls geständigen damaligen Telekom-Teamärzte Lothar
Heinrich und Andreas Schmid ihm die Präparate nicht verabreicht hätten. Riis bezichtigte allerdings den damaligen Teammanager Walter Godefroot der Mitwisserschaft: "Godefroot war auf einem Auge blind." Laut Riis muss der mittlerweile 64-jährige Belgier mitbekommen haben, dass im Team gedopt wurde.

"Ich habe mir die Mittel selbst besorgt. Die Freiburger Ärzte haben das überwacht und darauf geachtet, dass bestimmte Dinge nicht überhand nahmen", sagte Riis, der nicht weiß, ob er den Titel "Toursieger 1996" behalten kann. "Mein gelbes Trikot liegt zu Hause im Pappkarton in der Garage. Wenn Ihr es holen wollt, bitteschön", erklärte der erste dänische Sieger in der 104-jährigen Geschichte des wichtigsten Radrennens der Welt.

Vor seinem Geständnis hatte sich der Däne Rückendeckung seines Team-Sponsors CSC geholt. Der garantierte den Fortbestand des Teams, "egal, was Riis aus der Vergangenheit beichtet". In der Gegenwart sieht sich Riis und sein Team über jeden Zweifel erhaben. "Mein Team ist sauber. Heute herrschen einwandfreie Bedingungen. Die Dinge haben sich radikal geändert und ich bin ein Teil dieser Änderung. Ich habe das heute auch für mein Team getan. Es braucht mich. Damit ich alle Energie auf mein Team legen kann, muss ich die Vergangenheit hinter mich bringen", sagte Riis, der seine Familie immer über seine Dopingpraxis informiert hatte.

Riis hatte sich den Spitznamen "Mister 60 Prozent" 1996 bei seinem ein Jahr vorher angekündigten Tour-Sieg hart erkämpft. Der ehemalige Telekom-Masseur Jef d'Hont hatte in seinem Enthüllungs-Buch über offensichtlich Flächen deckendes Doping im Telekom-Team in Sachen Riis präzisiert: 64 Prozent hätte der Hämatokritwert des damaligen Telekom-Stars aus Herning betragen. Eine absolut lebensbedrohende Marke, die den Anteil der roten, Sauerstoff transportierende Blutkörperchen angibt.

Riis widersprach dieser Version: "Ich hatte niemals einen Hämatokrit von 64 und hatte auch keine Gicht, wie d'Hont schrieb. Ich war nicht ständig zugestopft mit Doping. Der Hämatokrit war hoch genug, um zu gewinnen. Er war über 50 Prozent."

Auch Ullrich wird Stellung beziehen
Nach den spektakulären Dopingbeichten seiner einstigen Berufskollegen vom Team Telekom wird Jan Ullrich nach einem Bericht der Zeitung "Welt" über seine sportliche Vergangenheit reden. Das kündigte Ullrichs Manager Wolfgang Strohband an. "Auch Jan wird Stellung beziehen. Wann und in welcher Form, ob durch eine Pressekonferenz oder durch eine Mitteilung über seiner Homepage ist noch offen", sagte Strohband der "Welt".

Strohband sagte, er habe sich mit Deutschlands einzigem Tour-de-France-Sieger über die Dopingoffenbarungen von dessen früheren Teamkollegen intensiv ausgetauscht. Details über die Inhalte ihrer Gespräche wollte Strohband nicht preisgeben.

(apa/red)

25.5.2007 18:22