Russland-Einfluss als Energie-Großmacht überschätzt: Starke Europa-Abhängigkeit
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- Experte: "Erpressung würde Russland selbst schaden"
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·Russlands Energie-
Einfluss überschätzt
Abhängigkeit von Europa
größer als umgekehrt
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Spätestens seit dem Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine im Winter 2005/2006 ist die starke Abhängigkeit Europas von den Energielieferungen aus Russland wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Seither wird von verschiedenen Seiten immer wieder Befürchtung geäußert, Russland könnte seine Energielieferungen als "politische Waffe" benützen. Tatsächlich ist aber Russlands Abhängigkeit von Europa als Absatzmarkt wesentlich größer als jene Europas vom russischen Gas und Öl.
Etwa drei Viertel der russischen Erdölexporte und 90 Prozent des Erdgases werden nach Europa geliefert. Nach Ansicht des Russland-Experten Roland Götz von der Deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin ist deshalb die Befürchtung, Russland könnte seine Energieexporte zur politischen Erpressung missbrauchen, unbegründet. Nicht einmal in den Jahren des kalten Krieges habe Russland ein solches Druckmittel eingesetzt, denn letztlich würde man sich dadurch selbst schaden, argumentiert Götz in seiner Analyse "Russlands Öl und Europa", die er im Vorjahr für die Friedrich Ebert Stiftung durchgeführt hat.
Als weltgrößter Gasexporteur und nach Saudi-Arabien zweitgrößter Erdölexporteur ist Russland eine Energie-Großmacht, deren Einfluss allerdings überschätzt werde, so Götz. Zwischen Russland und Europa besteht auf dem Energiegebiet eine hohe gegenseitige Abhängigkeit. Während Europa den überwiegenden Teil seiner Erdgasimporte sowie ein Drittel seiner Erdölimporte aus Russland bezieht, ist Russland seinerseits durch die vorhandenen Pipelines auch in Zukunft vor allem auf Europa als Absatzmarkt für Energieträger festgelegt. Der Einsatz dieser gegenseitigen Abhängigkeit zu politischen Zwecken würde Russland vermutlich mehr schaden als Europa.
Folgerichtig sieht Russlands neue Energiestrategie vor, die Gas- und Ölexporte künftig verstärkt in Richtung Südostasien zu lenken. So soll der russische Anteil an den europäischen Gasimporten bis zum Jahr 2020 auf etwa 30 Prozent sinken. Ein wichtiger Grund für die Umorientierung Russlands nach Osten dürfte die zunehmende Erschöpfung der Erdgasfelder in Westsibirien sein, die für die Exporte nach Europa entscheidend sind. Den Anteil seiner Ölausfuhren in den asiatisch-pazifischen Raum an den Gesamtexporten will Russland in den kommenden zehn Jahren von derzeit rund 3 Prozent auf 30 Prozent steigern. Vor einem Jahr hat Russland mit dem Bau einer Pipeline in Sibirien begonnen, durch die China und Japan mit Öl beliefert werden sollen.
Konjunktur vom Ölpreis abhängig
Russlands Wirtschaft wächst zwar seit Putins Amtsantritt mit einem beeindruckenden Tempo, die Konjunktur ist aber stark von der Entwicklung des Ölpreises abhängig. Darum hat Putin einen so genannten Öl-Stabilisierungsfonds für magere Jahre eingerichtet, der aus den Erlösen des Öl-Exports gespeist wird und inzwischen über 80 Mrd. Euro schwer ist.
Übernahmepläne im Westen kritisch gesehen
Um ein Problem wird Russlands Wirtschaft weltweit beneidet: Wohin mit den Milliarden-Erlösen aus den Energie- und Rohstoffexporten? Dass die zunehmend vom Staat beherrschte Energiebranche nach Westen drängt, ist nahe liegend - allerdings hält sich die Begeisterung über russische Übernahmepläne im Westen in Grenzen. Geplatzt ist etwa der Traum von Gazprom, den größten britischen Energieversorger Centrica zu übernehmen. Auf Granit bissen die Russen bisher auch bei der deutschen Telekombranche. Allerdings scheinen die Berührungsängste immer mehr zu schwinden, wie zuletzt die Beispiele Strabag und Magna zeigen, wo der Milliardär Oleg Deripaska mit Milliardenbeträgen eingestiegen ist.
Verbindungen zwischen Regierung und Unternehmen
Vor allem im Energie- und Verkehrssektor gibt es zahlreiche personelle Querverbindungen zwischen der Regierung und großen Unternehmen. Der russische Markt wird von mehreren großen Öl-Konzernen beherrscht: Lukoil, TNK-BP, Rosneft, Surgutneftegas, Sibneft, Tatneft und Slavneft. Rosneft hat Ende 2004 die Fördertochter YuganskNefteGaz des inzwischen zerschlagenen Yukos-Konzerns übernommen. Sibneft gehört seit Ende 2005 dem Gas-Monopolisten Gazprom. Daneben gibt es noch etwa zwei Dutzend unabhängiger Produzenten, die sich im Verband AssoNeft zusammengeschlossen haben.
Zweitgrößter Erdöl-Exporteur
Russland ist nach Saudi-Arabien das wichtigste Öl-Förderland der Welt und der zweitgrößte Erdöl-Exporteur. Die russischen Erdölreserven werden auf bis zu 12 Mrd. Tonnen geschätzt, laut BP Statistical Review of World Energy hätte Russland demnach einen Anteil von gut 6 Prozent der weltweit nachgewiesenen Ölreserven.
Langfristige Prognosen über die Erdgas-Fördermengen sind schwierig und gehen sehr stark auseinander. Während die Energy Information Administration (EIA) einen Anstieg des russischen Exportpotenzials vom 200 auf fast 500 Milliarden m3 pro Jahr bis zum Jahr 2030 erwartet, rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) nur mit einem sehr geringfügigen Anstieg. Im Durchschnitt erwarten die meisten Prognosen bis 2030 eine allmähliche Steigerung des Exportpotenzials um ein Drittel auf knapp 300 Milliarden m3 pro Jahr. Danach soll es zu einer Abflachung kommen.
Gas auch aus dem Iran
Europas Gas-Importbedarf von derzeit rund 200 Milliarden m3 könnte sich nach verschiedenen Prognosen in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen. Russland besitzt zwar ein Viertel der weltweiten Erdgas-Vorkommen, wird aber den Bedarf der europäischen Staaten nicht decken können, zumal auch der russische Eigenbedarf steigen wird. Europa ist jedoch nicht allein auf Russland angewiesen: So soll durch die geplante Nabucco-Pipeline, hinter der die österreichische OMV als treibende Kraft steckt, unter anderem iranisches Gas strömen. Laut "BP Statistical Review of World Energy 2006" liegen knapp 15 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen auf iranischem Gebiet.
(apa/red)
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