Dienstag, 15. Mai 2007

Volkskrankheit Komatrinken: Bestrafung
von "spendierfreudigen" Wirten als Ausweg?

  • SPÖ für Konzessionsentzug nach Ausschank an Kids
  • Rettung: Opfer immer jünger, Mädchen-Anteil steigt
    Wechsel von Bier auf Wodka: Chaos zu Schulschluss?

Die Schreckensmeldungen über das Komatrinken von Jugendlichen häufen sich. Nun machen die Regierungsparteien mobil: Dem vom steirischen ÖVP-Landtagsabgeordneten Wolfgang Kasic gemachten Vorschlag, ein eigenes Sonderkommando der Polizei gegen das Komatrinken von Jugendlichen aufzustellen, kann die steirische SPÖ zwar nichts abgewinnen. Dafür sollen allzu "spendierfreudige" Wirte für den rechtswidrigen Ausschank von Alkohol an Kids bestraft werden.

LHStv. Kurt Flecker meinte, es habe wenig Sinn, hinter jeden Jugendlichen einen Polizisten stellen zu wollen. Es müssten "jene Gastwirte härter zur Verantwortung gezogen, die Alkohol entgegen der gesetzlichen Bestimmungen an Jugendliche ausschenken". Polizei-Sondereinheiten seien "reine Symptom-Bekämpfung" und gingen an der Ursache vorbei.

Der steirische Gesundheitslandesrat Helmt Hirt ortete unterdessen Defizite in der Gesellschaft als Ursache. Er wollte Eltern nicht aus ihrer Verantwortung entlassen: "Es ist unvorstellbar, wenn Polizisten oder Behörden bei Eltern anrufen und sie bitten, ihre Kinder abzuholen und diese sagen dann, sie könnten nicht, weil sie selbst gerade auf einer Party sind".

Konzessionsentzug als wirksame Drohung
Der auch für den Jugendschutz zuständige Flecker nannte Zahlen: 2006 habe es 120 Gewerbeverfahren gegen Gastronomen gegeben, die gegen die Jugendschutzbestimmungen verstoßen hätten. Im Bezirk Deutschlandsberg habe die Höchststrafe 150 Euro betragen, im Bezirk Fürstenfeld wenigstens 2.000 Euro.

"Diese Summen schrecken keinen ab, das tut nur der Konzessionsentzug", so der Landesrat. 2006 habe sein Ressort 1.328 Anzeigen gegen Minderjährige wegen Übertretungen des Jugendschutzgesetzes registriert, 120 gegen Gastgewerbebetriebe, 688 gegen Eltern und 50 gegen sonstige Gewerbeinhaber.

"Komatrinken" für Rettungsdienste "nichts Neues"
"Komatrinken" ist ein über ganz Österreich verbreitetes Phänomen. Die APA hat bei den Rot Kreuz-Landesstellen in sämtlichen Bundesländern nachgefragt und dabei eine Erkenntnis gewonnen: Für die Rettungsdienste sind bis zur Bewusstlosigkeit betrunkene Jugendliche nichts Neues. Dennoch gibt es immer wieder Fälle, bei denen sogar abgebrühten Helfern die Luft weg bleibt.

Eine schier unglaubliche Geschichte erzählte ein führender Mitarbeiter des Kärntner Roten Kreuzes. Ein Vater habe ihm berichtet, dass sein Sohn mit gleichaltrigen 15- bis 16-Jährigen jedes Mal vor dem abendlichen Streifzug durch die Lokale zu Hause "vortrinkt". Die Jugendlichen würden in Geschäften billigen Alkohol besorgen und sich mit diesem in Stimmung bringen, bevor sie das Haus verlassen. "Der Vater hat mir gegenüber ausdrücklich die Sparsamkeit der Buben gelobt, da in den Lokalen die Getränke ja so teuer seien", so der Rettungsmann.

"Wenn ich am Wochenende das Plakat zu einer Ein-Euro-Party sehe, weiß ich, dass wir dort hinfahren werden", meinte ein Sanitäter des Roten Kreuzes in Eisenstadt. Vor allem in der Nacht von Freitag auf Samstag, meist nach Mitternacht, werden die Helfer zu zwei bis drei Einsätzen gerufen. Die "Patienten" werden jünger, auf alle Fälle unter dem Führerschein-Alter, stellte auch er fest. Noch vor wenigen Monaten sei die Rettung vor allem zu 18- oder 19-Jährigen gerufen worden.

In den vergangenen Monaten habe sich das seiner Meinung nach auf Grund der "Flatrate-Partys" geändert. Die jüngste Patientin war ein Mädchen im Alter von 13 Jahren. Der Rettungssanitäter ist seit 30 Jahren beim Roten Kreuz tätig und war zuvor in Wiener Neustadt. "Dort war es noch schlimmer", so sein Kommentar.

Immer mehr Mädchen im Vollrausch
"Komatrinken" scheint auch in Niederösterreich schon länger bekannt: "Neu ist es nicht", so der Tenor von Ralph Schüller, Sprecher des NÖ Roten Kreuzes, und Stefan Spielbichler von der NÖ Rettungsleitstelle LEBIG. Zu beobachten sei allerdings, dass immer mehr Mädchen mit Alkoholintoxikationen ins Spital eingeliefert würden. Die weiblichen Jugendlichen hätten in Niederösterreich mit den Burschen gleichgezogen, "wenn nicht sogar schon überholt", so Spielbichler.

"Das eigentliche Problem ist das Vorglühen", weiß Spielbichler. Auf den Festen selbst seien die Wirte bereits sehr sensibilisiert, so dass Personen, die vom Gesetz her nicht berechtigt sind Alkohol zu trinken, auch tatsächlich keinen erhalten. In vielen Fällen sei es aber so, dass unter 16-Jährige ältere Freunde in den Supermarkt schicken, die dort alkoholische Getränke kaufen und an die Gruppe weitergeben.

Wechsel von Bier auf Wodka wird unterschätzt
Beim Roten Kreuz in Oberösterreich sieht man die Hemmschwelle beim Alkoholkonsum im Sinken: Der Umgang der Jugendlichen dürfte lockerer als früher sein, erklärte Landesrettungskommandant Christoph Patzalt.

Erst am Wochenende hatten Besucher eines Zeltfestes in Gampern (Bezirk Vöcklabruck) zu viel getrunken und sich Schlägereien geliefert, die insgesamt 14 Verletzte forderten. "Das sollte uns allen Sorgen machen", betonte Patzalt.

Sturzbetrunkene Jugendliche gehören auch laut Vorarlbergs Rotkreuz-Landesdirektor Roland Gozzi schon immer zum Alltag der Rotkreuz-Mitarbeiter. In den vergangenen Jahren habe die Tendenz zum "Komatrinken" allerdings zugenommen, so Gozzi. Besonders nach Privatfesten stellte das Rote Kreuz eine Zunahme fest.

"In Discos können sich die Jugendlichen das gar nicht leisten." Das Verhalten habe sich geändert. Während früher eher Bier getrunken wurde, betränken sich die Jugendlichen heute mit Wodka-Mischungen. Gozzi: "Dabei unterschätzt man dann die Wirkung und wir haben Jugendliche mit ganz gehörigen Alkoholvergiftungen."

Außerdem ist in Richtung Schulschluss wieder vermehrt mit derartigen Einsätzen zu rechnen.

(apa/red)

15.5.2007 10:57