Politische Lage für Experten "völlig offen": Türkischer Finanzmarkt bleibt angespannt
- Bandbreite reicht von Eskalierung bis Erholung
"Völlig offen" ist nach Ansicht von Experten die weitere Entwicklung am türkischen Finanzmarkt. "Es gibt so viele offene Faktoren, dass eine Einschätzung vollkommen unmöglich ist", sagte der Türkei-Analyst der Investmentabteilung der UniCredit (CA IB), Simon Quijano-Evans.
Möglich sei "praktisch alles", von einer deutlichen Erholung der Börse ebenso wie weitere dramatische Einbrüche am Aktien- und am Anleihenmarkt. Die weitere Entwicklung sei von einer Vielzahl von Faktoren und Entscheidungen abhängig, die aus jetziger Sicht nicht abschätzbar seien. Als entscheidend gelten eine Ansprache von Präsident Tayyip Erdogan heute Abend und ein bis Mittwoch erwarteter Spruch des Verfassungsgerichts, der über die Rechtmäßigkeit der ersten beiden Wahlgänge entscheiden soll. Mit Spannung wird auch eine klare Positionierung des Militärs erwartet.
Quijano-Evans rät in der aktuellen Situation dringend von Finanzinvestments in Istanbul ab, es sei unmöglich zu sagen, "wie weit die Unsicherheit noch gehen wird". Brisant sei die Situation auch angesichts hoher Auslandsinvestitionen, es gibt allein 70 Mrd. Dollar (51,5 Mrd. Euro) in Portfolioinvestitionen (Aktien, Anleihen), dazu kommen noch hohe Direktinvestitionen.
Die Zuspitzung der Krise um die Wahl eines neuen türkischen Staatspräsidenten hat heute zu einem dramatischen Kurseinbruch an der Istanbuler Börse geführt. Der Leitindex brach im frühen Handel am Montag um fast acht Prozent auf 43.116 Punkte ein, das ist ein Verlust von 3.745 Punkten gegenüber dem Freitag-Schluss. Bis zum Nachmittag verringerte sich das Minus auf rund 6 Prozent. Bereits am Freitag hatte der Index zwei Prozent verloren.
Auch die Landeswährung Lira verlor gegenüber Dollar und Euro deutlich an Wert: Die Lira gab gegenüber dem Dollar seit Freitag weitere 4,2 Prozent nach, zum Euro fiel die türkische Währung auf 0,5251 (nach 0,5493) Euro.
Am Wochenende hatte der Generalstab in Ankara scharf vor einer Islamisierung der Türkei und damit indirekt vor einer Wahl von Außenminister Abdullah Gül zum Staatsoberhaupt gewarnt. Bei einem Massenprotest von rund einer Million Menschen in Istanbul waren Rufe nach einem Rücktritt der Regierung laut geworden. Sie warfen der Regierungspartei AKP um Ministerpräsident Tayyip Erdogan ebenso wie die Armeeführung vor, den EU-Beitrittskandidaten islamisieren zu wollen und forderten einen Rückzug des Regierungskandidaten für das höchste Staatsamt, Abdullah Gül.
Gül, der beim ersten Wahlgang im Parlament die erforderliche Zweidrittelmehrheit knapp verfehlt hatte, betonte ungeachtet der Proteste, er werde an seiner Kandidatur festhalten. Nun will das Verfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der Wahl entscheiden. Die Opposition hatte ein Aussetzen der Wahlen gefordert.
(APA/red)
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